Intuitive Gestaltung – vom Machen zum Geschehenlassen

„Ich bin nicht kreativ.“

Diesen Satz höre ich in Workshops und Retreats immer wieder. Sobald Papier, Farbe, Ton, Holz oder ein anderes Material ins Spiel kommt, entsteht bei manchen Menschen Anspannung: Was soll ich machen? Was wird von mir erwartet? Ich kann nicht zeichnen. Ich bin nicht kreativ.

Deshalb sage ich zu Beginn häufig: Hier muss niemand kreativ sein. Denn genau die Vorstellung, kreativ sein zu müssen, kann verhindern, dass etwas Eigenes entsteht. Kreativität ist für viele mit Können, Originalität oder einem gelungenen Ergebnis verbunden. Etwas soll schön, interessant oder besonders werden. Noch bevor wir begonnen haben, beobachten und bewerten wir uns selbst.

Intuitive Gestaltung meint etwas anderes. Es geht nicht darum, eine gute Idee zu haben und diese möglichst gekonnt umzusetzen. Im Gegenteil: Für eine Weile versuchen wir, nicht zu wissen, was entstehen soll. Statt zu fragen „Was möchte ich machen?“ können wir neugierig werden: „Was möchte gerade entstehen?“ Damit verschiebt sich etwas. Wir treten aus dem zielgerichteten Machen in einen Prozess, dessen Ausgang wir noch nicht kennen.

Warum ich von Gestaltung und nicht von Kreativität spreche

Der Begriff Kreativität ist stark aufgeladen. Manche Menschen halten sich für kreativ, andere haben irgendwann beschlossen, dass sie es nicht sind. Oft reichen dafür Erfahrungen aus der Schule: Ich kann nicht zeichnen. Ich bin handwerklich ungeschickt. Andere haben bessere Ideen.

Mit dem Wort Gestaltung verbinde ich weniger Anspruch. Gestaltung beginnt bereits dort, wo wir etwas bewegen, verändern oder in Beziehung zueinander bringen. Wir können eine Linie ziehen, ein Stück Ton drücken, einen Stein auf einen anderen legen, etwas zerreißen, verbinden, übermalen oder wieder zerstören. Dafür braucht es zunächst keine besondere Begabung.

Für mich bedeutet intuitive Gestaltung, einem Prozess zu folgen, ohne sein Ergebnis schon zu kennen. Absicht, Planung und Bewertung treten für eine Weile in den Hintergrund. Eine Farbe zieht mich an, meine Hand möchte eine bestimmte Bewegung machen, eine Form kippt um, der Ton bricht oder etwas, das ich eben noch schön fand, möchte ich plötzlich zerstören. Ich kann solchen Impulsen folgen, ohne sofort verstehen zu müssen, warum.

Intuitive Gestaltung bedeutet dabei nicht, keinen Willen zu haben. Wir handeln und treffen fortlaufend Entscheidungen. Aber wir müssen nicht schon vorher wissen, wohin diese Entscheidungen führen.

Was ich unter Intuition verstehe

Mit Intuition meine ich mehr als ein spontanes Bauchgefühl. Für mich ist sie eine sehr feine Form innerer Wahrnehmung – eine leise Bewegung, die oft auftaucht, bevor ich sie gedanklich einordnen oder begründen kann.

NARM versteht Gefühle unter anderem als wichtige Signale unseres Organismus und Nervensystems. Intuition erlebe ich noch einmal feiner. Sie spricht nicht unbedingt durch ein deutliches Gefühl wie Angst, Ärger, Trauer oder Freude. Manchmal zeigt sie sich nur als kaum merkliche Anziehung, als inneres Wissen, als Bild, als körperlicher Impuls oder als eine Bewegung, der ich folgen möchte, ohne zu wissen warum.

Meine Sicht darauf ist auch eine spirituelle. Ich gehe davon aus, dass es in uns etwas gibt, das tiefer reicht als unsere gewohnte Persönlichkeit mit ihren Vorstellungen, Ängsten und Schutzstrategien. Man könnte von einem authentischen Selbst, einem Wesenskern oder auch von Seele sprechen. Intuition verstehe ich als eine mögliche Sprache dieses tieferen Selbst.

Das bedeutet nicht, dass jeder spontane Impuls aus diesem inneren Kern kommt oder automatisch wahr oder richtig ist. Auch Ängste, Gewohnheiten und alte Schutzstrategien können sich sehr unmittelbar anfühlen. Intuitive Gestaltung bietet vielmehr einen Raum, diesen feineren Signalen Aufmerksamkeit zu schenken, ihnen probeweise zu folgen und wahrzunehmen, was dadurch geschieht.

Gestalten ohne Ziel

In vielen Bereichen unseres Lebens sind wir gewohnt, zielgerichtet vorzugehen: Ziel → Plan → Handlung → Ergebnis → Bewertung. Diese Fähigkeit ist wichtig. Sie ermöglicht uns, Probleme zu lösen, Projekte umzusetzen und unseren Alltag zu organisieren. Doch sie hat eine Grenze: Wenn ich bereits weiß, was entstehen soll, kann im Wesentlichen nur das entstehen, was ich mir vorher vorstellen konnte. Vieles, was ebenfalls möglich wäre, bleibt dadurch ausgeschlossen.

Gestalten ohne festgelegtes Ziel öffnet dagegen einen größeren Möglichkeitsraum – auch für Impulse, Ideen und Formen, auf die ich mit bewusstem Nachdenken vielleicht nicht gekommen wäre. Die Bewegung verändert sich: Wahrnehmen → Impuls → Handlung → erneut wahrnehmen → nächster Impuls.

Ich mache etwas und schaue, was dadurch entstanden ist. Darauf antworte ich mit einer nächsten Bewegung. Gestaltung wird zu einem Dialog zwischen mir, dem Material und dem gegenwärtigen Moment. Damit verändert sich auch meine Rolle. Ich bin nicht mehr ausschließlich derjenige, der einem Material seinen Willen aufprägt. Ich werde gleichzeitig zum Beobachter eines Prozesses, an dem ich selbst beteiligt bin.

Für mich beginnt hier der Übergang vom Machen zum Geschehenlassen.

Selbstkontakt – der eigenen Wahrnehmung wieder vertrauen

Viele Menschen haben früh gelernt, sich stärker an äußeren Erwartungen zu orientieren als an der eigenen Wahrnehmung. Was ist richtig? Was wird von mir erwartet? Wie sollte ich mich verhalten? Was denken die anderen? Mit der Zeit können solche äußeren Maßstäbe wichtiger werden als das eigene Empfinden. Wir folgen Konzepten, Regeln und Vorstellungen davon, wie etwas sein sollte, und verlieren dabei manchmal den Kontakt zu dem, was wir selbst wahrnehmen und wollen.

Intuitive Gestaltung setzt an einem anderen Ort an. Es gibt kein vorgegebenes Ergebnis und möglichst wenig richtig oder falsch. Stattdessen richte ich meine Aufmerksamkeit auf die eigene Wahrnehmung: Welche Farbe zieht mich an? Wohin möchte sich meine Hand bewegen? Möchte ich etwas hinzufügen oder wegnehmen, verbinden oder auseinanderbrechen? Was geschieht in meinem Körper, wenn ich diesem Impuls folge?

Dabei geht es nicht darum, dass jeder Impuls eine tiefere Bedeutung haben muss. Entscheidend ist zunächst die Erfahrung, die eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen. Ich spüre etwas, folge ihm und nehme wahr, was dadurch geschieht. Daraus entsteht ein fortlaufender Dialog mit mir selbst.

Gerade körperliche Impulse können einen Zugang eröffnen, der nicht zuerst über Denken und Erklären führt. Eine Bewegung entsteht vielleicht, bevor ich sie begründen kann. Indem ich solchen kleinen Impulsen folge, kann sich der Kontakt zur eigenen Wahrnehmung vertiefen.

Mit der Zeit kann daraus Vertrauen entstehen: Ich muss nicht immer schon wissen, was richtig ist. Ich darf wahrnehmen, ausprobieren und meiner eigenen Reaktion folgen. Intuitive Gestaltung wird so zu einer Praxis des Selbstkontakts. Indem ich immer wieder wahrnehme, was in mir auftaucht, und diesem Impuls eine Form gebe, kann auch das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung wachsen.

Wenn etwas auftaucht, das wir nicht geplant haben

In der Prozessorientierten Psychologie von Arnold Mindell gibt es die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Prozessen. Vereinfacht gesagt gehört zum Primären das, womit wir uns identifizieren: das, was wir von uns kennen, beabsichtigen und für zu uns gehörig halten. Sekundär sind Erfahrungen und Impulse, die zunächst nicht zu diesem vertrauten Selbstbild passen. Sie tauchen eher am Rand unserer Wahrnehmung auf – in Körperempfindungen, Bewegungen, Fantasien, Träumen, Versprechern, Störungen oder scheinbaren Zufällen.

Gerade beim intuitiven Gestalten können solche Momente sichtbar werden. Ich möchte etwas Zartes gestalten – und meine Bewegungen werden plötzlich grob. Ich beginne mit einer harmonischen Form und habe den Impuls, sie zu zerschneiden. Ich wollte mit hellen Farben arbeiten und greife immer wieder zu Schwarz. Eine Figur fällt um – und plötzlich interessiert mich die umgefallene Figur viel mehr als die ursprünglich geplante.

Normalerweise würden wir solche Abweichungen vielleicht korrigieren: Das wollte ich doch gar nicht. In der intuitiven Gestaltung können wir stattdessen neugierig werden: Was geschieht, wenn ich diesem Impuls folge?

Gerade dort, wo die Gestaltung von unserer ursprünglichen Absicht abweicht, kann etwas auftauchen, das wir noch nicht über uns wissen.

Gestaltung als eine Art Tagtraum

Ein Traum entsteht nicht dadurch, dass wir beschließen, was wir träumen möchten. Er erscheint. Wir erleben Bilder, Situationen und Zusammenhänge, die uns überraschen und deren Bedeutung wir oft nicht unmittelbar verstehen. In der intuitiven Gestaltung erlebe ich manchmal etwas Ähnliches – nur im Wachzustand und mit den Händen.

Ich wähle ein Material, mache eine Bewegung, verändere eine Form und weiß gleichzeitig nicht genau, wohin mich diese Handlungen führen. Irgendwann steht etwas vor mir, das vorher nicht da war. Manchmal entsteht dann dieser eigenartige Moment: Das habe ich gemacht – und gleichzeitig begegnet mir darin etwas, von dem ich vorher nicht wusste, dass es in mir vorhanden ist.

Das entstandene Objekt kann uns dadurch ähnlich begegnen wie ein Traum. Vielleicht irritiert es uns, vielleicht berührt es etwas, vielleicht bleibt es rätselhaft. Wir müssen es nicht sofort verstehen. Gerade darin liegt für mich eine Qualität dieser Arbeit: Etwas darf zunächst erscheinen, bevor wir beginnen, es einzuordnen.

Das Material gestaltet mit

In meiner langjährigen Arbeit als Gestalter und Künstler habe ich immer wieder erlebt, dass Material nicht einfach ein neutrales Mittel ist, mit dem wir unsere Vorstellungen umsetzen. Ton verhält sich anders als Papier, ein Stein anders als Farbe, Holz anders als Stoff. Materialien haben Gewicht, Widerstand und Eigenheiten. Sie brechen, fließen, reißen, kleben, trocknen, kippen um oder widersetzen sich unserer Absicht.

Dadurch entsteht ein Dialog: Ich gestalte das Material – und gleichzeitig beeinflusst das Material meinen Prozess. Eine Form, die zusammenbricht, muss deshalb nicht einfach misslungen sein. Vielleicht entsteht durch das Zusammenbrechen etwas viel Interessanteres als das, was ich ursprünglich vorhatte.

Das setzt voraus, dass ich bereit bin, die Kontrolle über das Ergebnis ein Stück weit aufzugeben. Nicht jede Störung muss korrigiert werden. Manchmal kann gerade das, was sich meiner Absicht widersetzt, eine neue Richtung eröffnen.

Wenn etwas eine Form findet

In Retreats setze ich intuitive Gestaltung nicht einfach als „kreative Abwechslung“ ein. Der Zeitpunkt spielt eine wichtige Rolle. Nach Zeiten der Stille, Bewegung, Naturerfahrung, Begegnung oder intensiver Selbsterforschung ist manchmal bereits etwas in Bewegung gekommen, für das es noch keine Worte gibt.

Gestaltung kann diesem inneren Prozess eine materielle Form geben. Etwas wird sichtbar und sinnlich erfahrbar, das zuvor vielleicht nur als Stimmung, Körperempfindung, Ahnung oder vager Impuls vorhanden war.

Eine Form entsteht, ein Objekt, eine Anordnung von Materialien. Manchmal ist das Ergebnis zunächst unscheinbar. Und manchmal geschieht etwas Verblüffendes: Ein Mensch betrachtet das, was vor ihm entstanden ist, und erkennt darin etwas, das überraschend genau mit seinem gegenwärtigen Prozess verbunden ist.

Dabei erlebe ich immer wieder überraschende Übereinstimmungen und Verdichtungen. Ein innerer Prozess findet eine Form, die etwas sichtbar macht oder klärt, ohne dass diese Form vorher bewusst geplant worden wäre. Manchmal entsteht etwas Symbolisches, dessen Bedeutung sich erst im Betrachten oder sogar erst später erschließt.

Ich verstehe solche Erfahrungen nicht als Beweis dafür, dass irgendwo in uns bereits ein fertiges Bild verborgen lag. Mich interessiert vielmehr die Erfahrung selbst: Etwas entsteht aus meinem eigenen Tun und kann mich trotzdem überraschen.

Nicht alles muss interpretiert werden

Wenn etwas Unerwartetes entsteht, ist die Versuchung groß, sofort nach seiner Bedeutung zu fragen: Wofür steht diese Figur? Was bedeutet die Farbe? Was symbolisiert der Stein? Damit sind wir schnell wieder dort, wo wir begonnen haben – im Denken und Erklären.

Ich halte es oft für interessanter, zunächst bei der Erfahrung zu bleiben. Was zieht meine Aufmerksamkeit an? Was überrascht mich? Was geschieht in mir, wenn ich das entstandene Objekt betrachte? Gibt es eine Stelle, die mich irritiert oder berührt? Möchte etwas weitergehen?

Vielleicht entsteht eine Bedeutung, vielleicht auch nicht. Für mich ist intuitive Gestaltung kein projektiver Test und das entstandene Werk kein Material, das von außen entschlüsselt werden muss. Die Bedeutung gehört zunächst dem Menschen, der gestaltet hat. Und manches darf rätselhaft bleiben.

Selbstwirksamkeit – etwas kommt durch mich in die Welt

Neben dem Selbstkontakt und dem Unbewussten interessiert mich an intuitiver Gestaltung ein weiterer Aspekt: Selbstwirksamkeit. Vorher war etwas nicht da. Dann habe ich gehandelt – und jetzt existiert etwas. Das klingt banal, ist aber eine elementare Erfahrung, besonders dann, wenn das Ergebnis nicht einfach die Ausführung eines vorher festgelegten Plans ist.

Ich kann etwas hervorbringen, ohne bereits wissen zu müssen, was es sein wird. Darin verbinden sich für mich zwei Bewegungen, die zunächst widersprüchlich erscheinen: Selbstwirksamkeit und Hingabe. Ich tue etwas, entscheide und forme. Gleichzeitig lasse ich mich von dem beeinflussen, was durch mein Tun entsteht.

Es ist weder passives Geschehenlassen noch vollständige Kontrolle. Ich übernehme Verantwortung für den nächsten Schritt, ohne das Endergebnis kontrollieren zu müssen.

So entsteht eine interessante Bewegung: Ich nehme einen eigenen Impuls wahr, erlaube mir, ihm zu folgen, und erfahre, dass durch mein Handeln etwas entsteht. Selbstkontakt, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit greifen ineinander.

Prozessvertrauen

Damit berührt intuitive Gestaltung für mich etwas, das weit über künstlerisches Arbeiten hinausgeht: die Frage, wie sehr wir einem Prozess vertrauen können, dessen Ausgang wir nicht kennen. Oft möchten wir wissen, wohin etwas führt, bevor wir uns darauf einlassen. Wir möchten die richtige Entscheidung treffen, das richtige Ergebnis erreichen und Fehler möglichst vermeiden.

Beim intuitiven Gestalten können wir im Kleinen eine andere Erfahrung machen: Ich weiß nicht, was entsteht, mache trotzdem einen ersten Schritt, nehme wahr, was dadurch geschieht, und kann darauf antworten. Der Weg entsteht im Gehen.

Prozessvertrauen bedeutet für mich deshalb nicht, darauf zu vertrauen, dass am Ende alles gut wird. Es bedeutet eher, darauf zu vertrauen, dass ich auf das, was geschieht, antworten kann.

Gestaltung als menschliche Möglichkeit

Auch Joseph Beuys' erweiterter Kunstbegriff hat mein Verständnis von Gestaltung geprägt. Sein berühmter Gedanke, dass jeder Mensch ein Künstler sei, lässt sich leicht missverstehen. Es geht nicht darum, dass jeder Mensch Bilder malen oder Skulpturen herstellen sollte. Interessanter finde ich die dahinterliegende Erweiterung: Gestaltung ist nicht ausschließlich eine Tätigkeit professioneller Künstler. Menschen gestalten fortwährend – Situationen, Beziehungen, soziale Räume und ihre Umwelt.

Damit verschiebt sich die Frage von „Bin ich kreativ?“ zu „Wie gestalte ich?“ Für meine Arbeit ist dieser Gedanke wichtig. Intuitive Gestaltung soll Menschen nicht zu Künstlern machen. Sie schafft vielmehr einen Raum, in dem die eigene Fähigkeit zu gestalten unmittelbar erfahren werden kann.

Improvisation und freies Spiel

Ein weiterer wichtiger Einfluss ist für mich Stephen Nachmanovitch. In seinen Gedanken über Improvisation und freies Spiel beschreibt er schöpferische Prozesse als Zusammenspiel von Präsenz, Wahrnehmung, Erfahrung und dem, was im jeweiligen Moment entsteht.

Improvisation bedeutet dabei nicht Beliebigkeit. Ein improvisierender Musiker tut nicht einfach irgendetwas. Er hört, reagiert, entscheidet und lässt sich gleichzeitig von dem überraschen, was gerade geschieht. Diese Haltung ist der intuitiven Gestaltung sehr nah.

Vielleicht beginnt schöpferisches Handeln gerade dort, wo für einen Moment nicht mehr die Frage im Vordergrund steht: „Wie mache ich etwas Gutes?“, sondern: „Was geschieht, wenn ich diesem Impuls folge?“

Intuitive Gestaltung in meiner Arbeit

Wenn ich intuitive Gestaltung in Retreats oder Workshops einsetze, versuche ich möglichst einfache Bedingungen zu schaffen. Es gibt ein Material oder einen Ausgangsimpuls, aber möglichst wenig Vorstellung davon, was daraus entstehen soll. Es geht nicht um schön oder hässlich, richtig oder falsch, gelungen oder misslungen. Und vor allem: Hier muss niemand kreativ sein.

Stattdessen geht es darum, wahrzunehmen, einen Impuls aufzugreifen, etwas zu tun und wieder wahrzunehmen, was dadurch entstanden ist. Manchmal ist dieser Prozess leicht und spielerisch. Manchmal tauchen Widerstände auf: Das ist doch sinnlos. Mir fällt nichts ein. Das sieht bescheuert aus. Auch diese Stimmen gehören zum Prozess. Sie zeigen, wie schnell wir beginnen, uns selbst zu beobachten und zu bewerten.

Gerade wenn dieser Anspruch etwas leiser wird, kann ein anderer Raum entstehen. Wir müssen nichts beweisen. Wir dürfen ausprobieren, scheitern, zerstören, neu beginnen – oder etwas stehen lassen, das wir nicht verstehen.

Was intuitive Gestaltung ermöglichen kann

Intuitive Gestaltung verspricht kein bestimmtes Ergebnis. Sie kann jedoch Selbstkontakt, Wahrnehmung und Selbstwirksamkeit stärken und etwas erfahrbar machen, für das vielleicht noch keine Worte vorhanden sind. Ein unbekannter Impuls kann sichtbar werden, Kontrolle kann sich für einen Moment lockern und vielleicht begegnen wir einer Seite von uns, die in unserem gewohnten Selbstbild wenig Platz hat.

Das entstandene Objekt ist dabei nicht unbedingt das Ziel. Vielleicht ist es eher eine Spur dessen, was während des Prozesses geschehen ist.

Meine Sicht auf intuitive Gestaltung

Mein eigenes Verständnis von Gestaltung hat sich über viele Jahre verändert. Als Gestalter war meine Arbeit zunächst stark davon geprägt, Ideen zu entwickeln und ihnen eine möglichst präzise visuelle Form zu geben. Auch als Künstler gehörten Intention, Konzept und Entscheidung selbstverständlich zu meiner Arbeit.

Gleichzeitig interessierte mich zunehmend der Moment, in dem etwas geschieht, das ich nicht geplant hatte: Ein Material verhält sich anders als erwartet, eine Situation entwickelt eine eigene Dynamik, etwas vermeintlich Nebensächliches wird plötzlich zum eigentlichen Zentrum.

Heute interessiert mich genau dieser Zwischenraum besonders. Nicht nur: Ich gestalte etwas. Aber auch nicht: Ich lasse einfach geschehen. Sondern: Ich trete in Beziehung mit einem Prozess, beeinflusse ihn und lasse mich gleichzeitig von ihm beeinflussen.

Darin liegt für mich auch eine spirituelle Dimension. Wenn es gelingt, für einen Moment etwas stiller zu werden und die gewohnten Vorstellungen davon, was richtig, sinnvoll oder schön wäre, zurücktreten zu lassen, können feinere Impulse wahrnehmbar werden. Ich erlebe sie als Hinweise aus einer tieferen Schicht des Selbst – als eine leise Sprache der Seele, die nicht befiehlt und nicht erklärt, sondern eher eine Richtung andeutet.

Intuitive Gestaltung bedeutet für mich deshalb, dem noch Unbekannten die Möglichkeit zu geben, eine Form anzunehmen. Vielleicht liegt darin auch ihre Verbindung zum Leben selbst: Wir können wahrnehmen, handeln, entscheiden und gestalten – ohne jemals vollständig zu wissen, was daraus entstehen wird.

Häufige Fragen zur intuitiven Gestaltung

Muss ich kreativ sein, um intuitiv zu gestalten?

Nein. Gerade die Vorstellung, kreativ sein zu müssen, kann Druck erzeugen. Intuitive Gestaltung beginnt nicht mit einer besonderen Begabung, sondern mit Wahrnehmung und einem ersten einfachen Impuls.

Was ist intuitive Gestaltung?

Intuitive Gestaltung ist ein offener Gestaltungsprozess, bei dem das Ergebnis nicht vorher festgelegt wird. Wahrnehmen, Handeln und erneutes Wahrnehmen wechseln sich ab. Dadurch kann etwas entstehen, das vorher nicht bewusst beabsichtigt war.

Was bedeutet Intuition dabei?

Mit Intuition meine ich eine feine Form innerer Wahrnehmung, die häufig auftaucht, bevor wir sie gedanklich begründen können. Sie kann sich als körperlicher Impuls, Bild, Ahnung, Anziehung oder inneres Wissen zeigen. In meiner persönlichen, auch spirituellen Sicht verstehe ich Intuition als eine mögliche Sprache eines tieferen, authentischen Selbst.

Was mache ich, wenn mir nichts einfällt?

Dann ist genau das der Ausgangspunkt. Es braucht keine Idee. Vielleicht zieht ein Material die Aufmerksamkeit an, die Hand möchte eine Bewegung machen oder es entsteht der Impuls, etwas zu zerreißen, zu drücken oder an einen bestimmten Ort zu legen. Der erste Schritt darf sehr klein sein.

Warum gibt es kein festes Ziel?

Ein Ziel legt bereits fest, in welche Richtung wir uns bewegen sollen. Bei intuitiver Gestaltung interessiert gerade das, was wir noch nicht kennen. Das bedeutet nicht, orientierungslos zu sein, sondern den nächsten Schritt aus dem gegenwärtigen Prozess entstehen zu lassen.

Wird das entstandene Werk interpretiert?

Nicht von außen. Es kann interessant sein wahrzunehmen, was ein Objekt in einem selbst auslöst oder welche Bedeutung sich mit der Zeit zeigt. Es muss aber nicht entschlüsselt werden. Manches darf einfach stehen bleiben.

Was hat intuitive Gestaltung mit dem Unbewussten zu tun?

Beim Gestalten ohne festgelegtes Ergebnis können Impulse, Bilder und Bewegungen auftauchen, die nicht Teil unserer bewussten Absicht waren. In der Prozessorientierten Psychologie kann hier vom Sekundären gesprochen werden: Erfahrungen, die zunächst außerhalb unserer vertrauten Identität liegen und im Prozess sichtbarer werden können.

Ist intuitive Gestaltung Kunsttherapie?

Nein. Ich verwende intuitive Gestaltung als Form der Selbsterfahrung und Prozessbegleitung. Sie ersetzt keine Kunsttherapie und verfolgt nicht den Anspruch, psychische Erkrankungen durch künstlerische Mittel zu behandeln.

Was hat intuitive Gestaltung mit NARM zu tun?

Intuitive Gestaltung ist keine NARM-Methode. Es gibt jedoch Berührungspunkte: Selbstkontakt, gegenwärtige Wahrnehmung, Selbstwirksamkeit und das wachsende Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. In meiner Arbeit können sich beide Zugänge ergänzen, ohne dass sie dasselbe sind.

Weiterführende Literatur

Stephen Nachmanovitch: Free Play: Improvisation in Life and Art. Über Improvisation, freies Spiel und schöpferische Prozesse, die aus Präsenz und dem gegenwärtigen Moment entstehen.

Lane Arye: Unintentional Music: Releasing Your Deepest Creativity. Aus der Prozessorientierten Psychologie entwickelter Zugang zum Unbeabsichtigten im kreativen Prozess. Fehler, Störungen und unerwartete Impulse werden nicht korrigiert, sondern neugierig aufgegriffen und weiterverfolgt.

Arnold Mindell: ProcessMind. Über Prozesswahrnehmung und Erfahrungen, die jenseits unserer bewussten Absichten und unserer vertrauten Identität auftauchen.

Joseph Beuys / Volker Harlan: Was ist Kunst? Gespräche über Beuys' erweiterten Kunstbegriff und Gestaltung als grundlegende menschliche Möglichkeit.

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