Schuld und Scham – wenn wir den Kontakt zu uns selbst verlieren
Vielleicht kennen Sie einen dieser Momente:
Sie haben jemandem eine Nachricht geschrieben und warten auf eine Antwort. Stunden später ist noch nichts gekommen. Obwohl Sie eigentlich wissen, dass es dafür tausend Gründe geben kann, beginnt etwas in Ihnen zu arbeiten: Habe ich etwas Falsches gesagt? War ich zu direkt? Habe ich den anderen sogar verärgert?
Oder Sie sagen zu einer Bitte einmal Nein. Und sie wollten auch Nein sagen. Trotzdem fühlen Sie sich danach schlecht. Vielleicht erklären Sie ausführlich, warum Sie Nein gesagt haben, oder schreiben noch eine zweite Nachricht hinterher, um sicherzustellen, dass der andere Sie nicht falsch versteht.
Oder Sie machen einen Fehler bei der Arbeit. Niemand hat Ihnen einen Vorwurf gemacht. Trotzdem beschäftigt Sie der Fehler noch am Abend. Sie gehen die Situation immer wieder durch und überlegen, was Sie hätten besser machen müssen.
Vielleicht ist jemand Ihnen gegenüber enttäuscht oder wütend – und sofort entsteht das Gefühl, etwas dafür tun zu müssen. Sie versuchen, die Situation zu beruhigen, erklären sich, entschuldigen sich oder übernehmen Verantwortung, obwohl gar nicht klar ist, ob Sie überhaupt etwas falsch gemacht haben.
Und manchmal zeigt sich ein grundlegende Idee. Menschen fühlen sich nicht nur für einzelne Handlungen schuldig, sondern schämen dich für ihre Identität:
Ich bin zu viel.
Ich bin anstrengend.
Ich sollte nicht so empfindlich sein.
Andere bekommen das doch auch hin.
Ich müsste eigentlich anders sein.
Mit mir stimmt etwas fundamentales nicht.
Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, ob ich etwas falsch gemacht habe. Etwas in mir scheint zu sagen: Mit mir stimmt etwas nicht. Hier berühren wir den Unterschied zwischen Schuld und Scham. Schuld kann sich auf eine konkrete Handlung beziehen: „Ich habe etwas getan, das ich bereue.“ Scham geht häufig tiefer: „Ich bin falsch.“
Beide Erfahrungen können sich miteinander verbinden. Aus „Ich habe etwas falsch gemacht“ wird „Ich mache immer alles falsch“ – und vielleicht irgendwann „Mit mir stimmt grundsätzlich etwas nicht.“
Schuld und Scham können unser Verhalten stark beeinflussen. Wir entschuldigen uns zu schnell, erklären uns, versuchen es allen recht zu machen, kontrollieren uns oder ziehen uns zurück. Manche Menschen werden besonders hilfsbereit. Andere versuchen, unangreifbar zu werden oder arbeiten unermüdlich daran, erfolgreicher, kompetenter, schöner oder „besser“ zu werden.
Von außen sehen diese Verhaltensweisen sehr unterschiedlich aus. Entscheidend ist nicht unbedingt das Verhalten selbst, sondern die Funktion, die es für uns hat. Vielleicht versucht ein Mensch durch Helfen, sich seinen Platz in einer Beziehung zu sichern. Vielleicht soll Perfektionismus verhindern, kritisiert oder abgelehnt zu werden. Vielleicht hilft ständiges Rechtfertigen dabei, den Verdacht zu entkräften, etwas falsch gemacht zu haben.
Aus dieser Perspektive bekommen Schuld und Scham eine andere Bedeutung. Sie sind nicht einfach unangenehme Gefühle, die möglichst schnell verschwinden sollten. Sie können Hinweise darauf sein, wie wir gelernt haben, mit Beziehung, Nähe, Ablehnung, Konflikt und unseren eigenen Bedürfnissen umzugehen.
Genau hier wird die Perspektive von NARM interessant. NARM fragt nicht zuerst: „Wie bekomme ich diese Scham weg?“, sondern: „Was geschieht gerade in mir – und wovor schützt mich diese Reaktion?“ Wenn wir beginnen zu verstehen, was sich in Schuld und Scham zeigt, kann daraus ein Weg zurück zu mehr Selbstkontakt entstehen.
Schuld und Scham – unterschiedliche Erfahrungen
Schuld und Scham gehören zum menschlichen Erleben. In ihrer natürlichen Form haben beide eine wichtige soziale Funktion. Problematisch werden sie, wenn sie chronisch werden, sich von der konkreten Situation lösen und beginnen, unser Selbstbild und unsere Beziehungen zu bestimmen.
Natürliche Schuld
Natürliche Schuld entsteht, wenn wir erkennen, dass wir tatsächlich etwas getan haben, das nicht unseren Werten entspricht: „Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war.“ Vielleicht haben wir jemanden verletzt, eine Grenze überschritten oder uns anders verhalten, als wir es eigentlich möchten. Das Schuldgefühl kann dann zu einer konstruktiven Bewegung führen: Ich erkenne meinen Anteil, übernehme Verantwortung, kann etwas wiedergutmachen oder künftig anders handeln. Natürliche Schuld bezieht sich auf unser Verhalten – nicht auf unseren Wert als Mensch.
Toxische Schuld
Mit toxischer Schuld meine ich ein chronisches Schuldgefühl, das über die tatsächliche eigene Verantwortung hinausgeht. Wir fühlen uns verantwortlich, obwohl die Verantwortung gar nicht oder nur teilweise bei uns liegt.
„Wenn der andere enttäuscht ist, habe ich etwas falsch gemacht.“
„Wenn ich Nein sage, bin ich egoistisch.“
„Ich bin dafür verantwortlich, dass es den anderen gut geht.“
Gerade in frühen Beziehungen kann eine solche Schuld eine Schutzfunktion entwickeln. Ein Kind übernimmt beispielsweise Verantwortung für die Stimmung der Eltern oder glaubt, selbst der Grund für Konflikte oder fehlende Nähe zu sein. So bleibt die Beziehung ein Stück weit kontrollierbar: Wenn ich schuld bin, kann ich vielleicht etwas tun, damit es wieder gut wird. Was damals Beziehung sichern konnte, kann später dazu führen, dass wir Verantwortung übernehmen, die gar nicht zu uns gehört.
Natürliche Scham
Natürliche Scham entsteht häufig in sozialen Situationen. Wir haben etwas Unpassendes getan, fühlen uns bloßgestellt oder merken, dass wir eine Grenze überschritten haben. Vielleicht möchten wir für einen Moment im Boden versinken. Diese Scham ist unangenehm, aber vorübergehend. Sie macht nicht unsere ganze Person falsch. Sie kann uns helfen, uns selbst im sozialen Miteinander wahrzunehmen und unser Verhalten gegebenenfalls anzupassen.
Toxische Scham
Toxische Scham geht tiefer. Sie bezieht sich nicht mehr auf eine konkrete Situation, sondern auf die eigene Person. Aus „Das war mir peinlich“ wird „Ich bin peinlich“. Aus „Ich habe einen Fehler gemacht“ wird „Mit mir stimmt etwas nicht“.
Scham wird dann zu einer grundlegenden Überzeugung über die eigene Person: Ich bin nicht gut genug. Ich bin zu viel. Ich bin nicht liebenswert. Ich gehöre nicht dazu. Aus NARM-Perspektive ist genau das bedeutsam: Schuld und Scham sind dann nicht mehr nur vorübergehende Gefühle. Sie können beginnen, unser Selbstbild, unsere Beziehungen und unser Verhalten zu organisieren.
Wie entstehen Schuld und Scham?
Schuld und Scham entwickeln sich wesentlich in Beziehung. Schon früh erfahren wir, wie unsere Gefühle, Bedürfnisse, Grenzen und Impulse von den Menschen beantwortet werden, auf die wir angewiesen sind.
Ein Kind sagt Nein und erlebt Ablehnung. Es zeigt seine Wut und bekommt vermittelt: „So bist du nicht liebenswert.“ Es braucht Nähe oder Aufmerksamkeit und spürt: „Ich bin zu viel.“ Vielleicht beginnt es, Verantwortung für die Stimmung der Eltern zu übernehmen oder die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.
Ein Kind kann solche Erfahrungen noch nicht einordnen wie ein Erwachsener. Es kann nicht einfach denken: „Meine Eltern können mir gerade nicht geben, was ich brauche.“ Es ist auf die Beziehung angewiesen und versucht deshalb, sich selbst an die Situation anzupassen. So kann sich die Wahrnehmung nach innen wenden: „Dann muss etwas mit mir nicht stimmen.“ Aus einer schwierigen Beziehungserfahrung wird allmählich eine Vorstellung über die eigene Person. Nicht die Beziehung wird infrage gestellt, sondern das eigene Selbst.
Schuld als Bindungsstrategie
Ein Kind kann sich nicht leisten zu denken: „Meine Eltern können mir nicht geben, was ich brauche.“ Das kann existenziell bedrohlich sein. Sicherer ist die Vorstellung : „Ich bin schuld.“ Daraus entsteht eine paradoxe Form von Sicherheit: Wenn ich selbst die Ursache bin, kann ich vielleicht auch etwas verändern. Ich kann braver, hilfsbereiter, erfolgreicher, schöner, ruhiger oder anspruchsloser werden. Schuld erhält damit ein Gefühl von Einfluss in einer Beziehung, in der das Kind tatsächlich nur sehr wenig Einfluss hat.
So kann Schuld zu einer Strategie werden, Bindung zu sichern. Was in der Kindheit Schutz und ein Gefühl von Kontrolle ermöglicht hat, kann uns später daran hindern, klar zu unterscheiden, wofür wir tatsächlich verantwortlich sind – und wofür nicht.
Scham als Schutz vor Beziehungsverlust
Scham kann dazu führen, dass wir uns ständig beobachten und bewerten: Wie wirke ich? Bin ich gut genug? Interessant genug? Schön genug? War das gerade peinlich? Was denkt der andere über mich?
Dabei verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit. Statt bei uns selbst zu bleiben und wahrzunehmen, was wir fühlen, brauchen oder möchten, beginnen wir, uns mit den Augen der anderen zu betrachten.
Die Frage „Was erlebe ich gerade?“ wird unmerklich zu „Wie werde ich gerade gesehen?“ Darin liegt auch eine Schutzfunktion: Wenn wir früh gelernt haben, dass bestimmte Seiten von uns Beziehung gefährden können, hilft die ständige Selbstbeobachtung dabei, Ablehnung möglichst zu vermeiden. Der Preis kann sein, dass wir uns immer stärker daran orientieren, wie wir sein sollten – und immer weniger daran, wie wir tatsächlich sind und was wir gerade brauchen.
Die vielen Gesichter von Schuld und Scham
Schuld und Scham sind nicht immer unmittelbar als solche erkennbar. Oft zeigen sie sich indirekt – in Verhaltensweisen, die wir längst für einen Teil unserer Persönlichkeit halten.
Wir versuchen vielleicht, es allen recht zu machen, helfen ständig oder übernehmen Verantwortung für die Gefühle anderer. Wir erklären und rechtfertigen uns, wollen keine Fehler machen oder versuchen durch Perfektionismus, Kontrolle und Selbstoptimierung unangreifbar zu werden. Auch der Wunsch, besonders erfolgreich, kompetent oder attraktiv zu sein, kann mit der Angst verbunden sein, nicht zu genügen.
Andere reagieren eher mit Rückzug, Dissoziation oder flüchten sich ins Denken und Analysieren. Auch Spiritualisieren, Rebellion, Dominanz oder Unterordnung können Versuche sein, mit tiefer liegenden Gefühlen von Scham, Unsicherheit oder Schuld umzugehen.
Dabei sagt das Verhalten allein noch wenig über seine Funktion aus. Entscheidend ist, was wir damit innerlich zu regulieren oder zu vermeiden versuchen. Wer sich ständig rechtfertigt, versucht vielleicht einen tieferen Verdacht zu widerlegen: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Und wer immer für andere da ist, könnte versuchen, sich seinen Platz in der Beziehung zu sichern: „Wenn ich gebraucht werde, darf ich bleiben.“
So unterschiedlich diese Strategien aussehen können – hinter ihnen kann eine ähnliche Sehnsucht stehen: in Beziehung bleiben zu können, ohne abgelehnt, beschämt oder verlassen zu werden.
Der Körper von Schuld und Scham
Schuld und Scham sind nicht nur Gedanken. Sie können unmittelbar im Körper spürbar werden, manchmal bevor wir überhaupt wissen, was uns gerade beschämt oder warum wir uns schuldig fühlen.
Bei Scham zieht sich der Körper häufig zusammen. Der Blick senkt sich, der Kopf geht nach unten, vielleicht wird das Gesicht heiß, der Atem flacher oder es entsteht Druck im Brustraum oder Spannung im Bauch. Manche Menschen erstarren oder möchten am liebsten verschwinden.
Schuld kann sich anders zeigen: als innere Unruhe oder Druck, etwas wieder in Ordnung bringen zu müssen. Wir beginnen zu grübeln, gehen die Situation immer wieder durch oder bekommen den Impuls, uns zu erklären und zu rechtfertigen.
Doch es gibt keine eindeutige körperliche Reaktion. Manche Menschen spüren sehr viel, andere fast nichts. In der NARM-Arbeit geht es deshalb nicht darum, eine bestimmte Körperreaktion zu finden oder zu verändern. Interessanter ist zunächst die Frage: Was geschieht gerade in mir? Vielleicht ist da Enge, Hitze oder Unruhe – vielleicht aber auch Leere oder gar nichts Wahrnehmbares. Auch das ist Teil der gegenwärtigen Erfahrung.
Der innere Kritiker
Scham bleibt nicht immer bei einem Gefühl. Mit der Zeit kann sie zu einer inneren Stimme werden, die uns beobachtet und bewertet. Sie sagt uns, was wir besser machen sollten, wo wir nicht gut genug sind oder wie wir sein müssten, damit wir akzeptiert werden.
„Das war peinlich.“ – „Du hättest das besser machen müssen.“ – „Du bist zu empfindlich.“ – „Andere können das doch auch.“ Oft erleben wir diese Stimme als etwas, das gegen uns arbeitet. Aus der NARM-Perspektive kann es hilfreich sein, auch hier nach ihrer Funktion zu fragen. Vielleicht versucht der innere Kritiker, uns vor Ablehnung, Beschämung, Kritik oder dem Gefühl zu schützen, nicht dazuzugehören.
Deshalb geht es nicht darum, ihn einfach zum Schweigen zu bringen. Interessanter kann sein, zu verstehen, was er eigentlich verhindern möchte. Hinter der kritischen Stimme kann ein alter Versuch stehen, Zugehörigkeit und Beziehung zu sichern.
Von Schuld zu Verantwortung
Schuld kann uns in der Selbstverurteilung festhalten. Wir kreisen darum, was wir falsch gemacht haben, oder versuchen, das Geschehene innerlich immer wieder zu korrigieren. Aus „Ich habe etwas getan“ wird „Ich bin schuld“ – und manchmal „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Verantwortung eröffnet eine andere Bewegung. Sie bedeutet, den eigenen Anteil anzuschauen, ohne sich deshalb als ganzen Menschen infrage zu stellen: „Was habe ich getan? Was davon gehört zu mir? Und was möchte ich jetzt damit tun?“ Verantwortung bedeutet gerade nicht, für alles verantwortlich zu sein. Sie kann auch darin bestehen, zu erkennen, wo die eigene Verantwortung endet und die des anderen beginnt. So entsteht Handlungsspielraum: Wir können etwas anerkennen, uns entschuldigen, eine Grenze setzen oder beim nächsten Mal anders handeln. Wo Schuld in Selbstverurteilung festhält, öffnet Verantwortung einen Raum für Handlung in der Gegenwart.
Was wird möglich, wenn sich Schuld und Scham verändern?
Wenn Schuld und Scham sich verändern, bedeutet das nicht, dass sie verschwinden. Es kann vielmehr darum gehen, dass sie uns nicht mehr so stark bestimmen. Wir können unsere Bedürfnisse wahrnehmen, Grenzen setzen und auch einmal jemanden enttäuschen, ohne sofort das Gefühl zu haben, etwas falsch gemacht zu haben. Fehler dürfen geschehen, ohne dass sie unser gesamtes Selbstbild erschüttern. Konflikte können ausgehalten werden, ohne dass wir uns sofort rechtfertigen, zurückziehen oder anpassen müssen.
Mit der Zeit können mehr Selbstkontakt, Selbstmitgefühl und Wahlmöglichkeiten entstehen. Ich kann spüren, was in mir geschieht, ohne automatisch meiner alten Reaktion folgen zu müssen. Und vielleicht entsteht daraus wieder etwas, das unter Schuld und Scham oft verloren geht: mehr Lebendigkeit.
Entwicklung bedeutet vielleicht nicht, dass Scham verschwindet. Sondern dass wir lernen, auch mit Scham in Kontakt mit uns selbst zu bleiben – und immer mehr Freiheit darin zu gewinnen, wie wir mit ihr umgehen.
Wie arbeitet NARM mit Schuld und Scham?
In der NARM-Arbeit geht es nicht darum, Schuld oder Scham möglichst schnell loszuwerden. Beide können Hinweise darauf geben, wie wir gelernt haben, mit Beziehung, Nähe, Ablehnung und unseren eigenen Bedürfnissen umzugehen.
Deshalb wird neugierig erforscht, was im gegenwärtigen Moment geschieht. Vielleicht bemerken wir Scham und den Impuls, uns zurückzuziehen. Vielleicht beginnt der innere Kritiker zu sprechen. Bei Schuld entsteht vielleicht der Wunsch, sich zu erklären oder etwas wiedergutzumachen. Was passiert gerade in mir? Was spüre ich? Was denke ich über mich? Was möchte ich tun? Wovor könnte mich diese Reaktion schützen? Was brauche ich eigentlich?
Vielleicht wird sichtbar, dass hinter dem Rechtfertigen die Angst vor Ablehnung steht, hinter dem Perfektionismus die Überzeugung, nur dann wertvoll zu sein, wenn alles gelingt, oder hinter dem Rückzug die Befürchtung, mit den eigenen Bedürfnissen zu viel zu sein. So entsteht ein wichtiger Abstand zwischen „Ich bin so“ und „Etwas geschieht gerade in mir“. Dieser Abstand schafft Wahlmöglichkeiten. Für mich liegt darin ein wesentlicher Aspekt der NARM-Arbeit: nicht gegen die eigenen Schutzstrategien zu kämpfen, sondern ihre Intelligenz zu verstehen und dadurch wieder mehr Freiheit zu gewinnen.
Meine Sicht auf Schuld und Scham
Für mich gehören toxische Schuld und Scham zu den unterschätzten Wirk-Kräften unserer Gesellschaft. Wir betrachten sie meistens als persönliche oder psychologische Themen. Ich glaube jedoch, dass sie weit über das individuelle Erleben hinauswirken – in unsere Beziehungen, Institutionen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hinein.
Viele Probleme versuchen wir zu lösen, indem wir ihre sichtbaren Symptome bekämpfen. Wir suchen Schuldige, formulieren moralische Forderungen, kontrollieren Verhalten oder versuchen, andere von der richtigen Sichtweise zu überzeugen. Das kann notwendig und sinnvoll sein. Doch wenn wir nicht gleichzeitig danach fragen, welche Ängste, Verletzungen, Bedürfnisse und Schutzstrategien unter einem Konflikt liegen, besteht die Gefahr, das Problem lediglich zu verschieben.
Was wir im Individuellen beobachten, scheint mir deshalb auch gesellschaftlich interessant: Scham kann zu Rückzug führen, aber ebenso zu Abwehr, Überlegenheit oder Angriff. Schuld kann Verantwortung ermöglichen – toxische Schuld dagegen Selbstverurteilung oder den Versuch, Schuld bei anderen zu verorten. Aus Unsicherheit können Kontrolle und Macht entstehen, aus Angst vor Ausgrenzung Anpassung und aus dem Bedürfnis nach Sicherheit ein starkes Festhalten an Gruppen und Weltbildern.
Auch Aktivismus, politische Bewegungen, Institutionen oder Unternehmen sind nicht frei von solchen menschlichen Dynamiken. Eine gute Absicht allein schützt uns nicht davor, unbewusste Muster zu reproduzieren.
Dabei geht es mir nicht darum, gesellschaftliche Konflikte zu psychologisieren oder reale Machtverhältnisse und politische Verantwortung auszublenden. Im Gegenteil: Verantwortung wird für mich erst wirklich interessant, wenn sie nicht auf Beschämung angewiesen ist.
Vielleicht brauchen wir deshalb neben dem Wunsch, die Welt zu verändern, auch die Bereitschaft wahrzunehmen, aus welchem inneren Ort heraus wir sie verändern wollen. Wo handeln wir aus Kontakt und Verantwortungsfähigkeit – und wo aus Angst, Schuld, Scham oder dem Bedürfnis, auf der richtigen Seite zu stehen?
Für mich liegt darin eine gesellschaftliche Dimension von NARM: Je mehr wir mit uns selbst in Kontakt kommen, desto weniger müssen wir unsere unbewussten Konflikte im Außen austragen. Das löst die Probleme der Welt nicht automatisch. Aber es kann verändern, wie wir ihnen begegnen – mit mehr Bewusstheit, Verantwortung und der Fähigkeit, auch mit Unterschiedlichkeit in Beziehung zu bleiben.
Häufige Fragen zu Schuld und Scham
Was ist der Unterschied zwischen Schuld und Scham?
Schuld bezieht sich eher auf etwas, das wir getan haben: „Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war.“ Scham betrifft stärker unser Selbstbild: Aus „Ich habe etwas Falsches getan“ kann „Ich bin falsch“ werden. Beide Erfahrungen können allerdings ineinandergreifen.
Kann Schuld auch eine Überlebensstrategie sein?
Ja. Besonders in frühen Beziehungen kann Schuld dazu beitragen, die Bindung zu den Bezugspersonen aufrechtzuerhalten. Wenn ich glaube, selbst die Ursache eines Problems zu sein, entsteht zugleich die Hoffnung: „Wenn ich mich verändere, wird es wieder gut.“
Woher kommt toxische Scham?
Toxische Scham kann entstehen, wenn Gefühle, Bedürfnisse oder Impulse wiederholt mit Ablehnung, Beschämung oder fehlender Resonanz beantwortet werden. Daraus kann sich der grundlegende Eindruck entwickeln: „So wie ich bin, bin ich nicht richtig.“
Warum fühle ich mich schuldig, obwohl ich nichts falsch gemacht habe?
Manchmal beruht Schuld auf einem gelernten Gefühl von Verantwortlichkeit. Wer früh gelernt hat, für die Stimmung anderer mitverantwortlich zu sein, kann bereits die Enttäuschung oder den Ärger eines anderen als eigene Schuld erleben. Dann wird die Frage wichtig: Wofür bin ich tatsächlich verantwortlich?
Warum muss ich mich ständig rechtfertigen?
Rechtfertigen kann vor Ablehnung oder Beschämung schützen. Wenn sich schnell der Verdacht einstellt, etwas falsch gemacht zu haben, entsteht der Impuls, die eigene Unschuld zu beweisen. Interessant kann die Frage sein: Was befürchte ich, würde passieren, wenn ich mich nicht erkläre?
Warum fällt es mir so schwer, Nein zu sagen?
Wenn ein Nein früher mit Ärger, Kritik, Schuld oder Liebesentzug verbunden war, kann sich eine Grenze auch im Erwachsenenalter wie eine Bedrohung der Beziehung anfühlen. Dann geht es nicht nur darum, Nein sagen zu lernen, sondern auch die Gefühle wahrzunehmen, die dabei entstehen.
Kann Scham auch hinter Perfektionismus stecken?
Ja. Wenn Fehler innerlich bedeuten „Ich bin nicht gut genug“, kann Perfektionismus dazu dienen, Scham zu vermeiden. Dann lautet die eigentliche Frage nicht mehr „Ist meine Arbeit gut genug?“, sondern „Bin ich gut genug?“
Was hat Scham mit Bindung zu tun?
Wenn ein Kind erlebt, dass bestimmte Bedürfnisse oder Gefühle Beziehung gefährden, kann es lernen, diese Seiten von sich zurückzuhalten. Der innere Kompromiss lautet dann: „Wenn ich so bin, wie ich bin, verliere ich vielleicht die Verbindung. Also muss ich anders werden.“
Wie zeigt sich Scham im Körper?
Scham kann sich als Hitze im Gesicht, gesenkter Blick, flacher Atem, Erstarrung oder der Wunsch zeigen, sich zurückzuziehen. Andere Menschen spüren wenig und beginnen stattdessen zu analysieren oder sich zu erklären. Auch das kann eine Form des Schutzes sein.
Kann man Scham „heilen“?
Ich würde eher von Veränderung oder Entwicklung sprechen. Scham gehört zum menschlichen Erleben. Entscheidend ist, ob sie unser Selbstbild bestimmt. Aus „Ich bin falsch“ kann allmählich „Da ist gerade Scham in mir“ werden. Dadurch entsteht wieder mehr Abstand und Wahlfreiheit.
Wie arbeitet NARM mit Schuld und Scham?
NARM versucht nicht, Schuld oder Scham wegzumachen. Es wird erforscht, wie sie sich im gegenwärtigen Moment zeigen: im Körper, in Gedanken über uns selbst und in Impulsen wie Rückzug, Kontolle, Unterordnen, Rebellion oder Anpassung. Dadurch können alte Überlebensstrategien bewusster und neue Handlungsmöglichkeiten zugänglich werden.
Was ist der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung?
Schuld kann in Selbstverurteilung führen: „Ich bin schuld.“ Verantwortung fragt: „Was ist mein Anteil und was möchte ich damit tun?“ Dazu gehört auch zu erkennen, wo die eigene Verantwortung endet und die des anderen beginnt.
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