Organische Mystik – die Pforte liegt im Menschlichen

Nicht höher, sondern tiefer

Mit Spiritualität verbinden viele Menschen die Vorstellung einer Entwicklung nach oben: bewusster werden, Gedanken überwinden, unangenehme Gefühle hinter sich lassen, das Ego transzendieren und schließlich einen Zustand größerer Ruhe und Verbundenheit erreichen. Mich interessiert eine andere Bewegung: nicht höher, sondern tiefer. Tiefer in den Körper, ins Fühlen, in den Kontakt mit uns selbst und mit dem, was gerade geschieht.

Was, wenn wir dem Spirituellen nicht näherkommen, indem wir bestimmte Seiten unseres Menschseins überwinden, sondern indem wir wieder vollständiger mit ihnen in Beziehung treten? Wenn Ärger, Trauer, Scham, Verletzlichkeit, Körperlichkeit und unsere Schutzstrategien nicht Hindernisse auf dem spirituellen Weg sind, sondern Pforten? Vielleicht müssen Stille, Weite und Verbundenheit dann weniger hergestellt werden, als wir denken. Vielleicht können sie auftauchen, wenn wir weniger von uns selbst fernhalten müssen. Dafür verwende ich den Begriff organische Mystik.

Was ich unter organischer Mystik verstehe

Mystik bedeutet für mich zunächst unmittelbare Erfahrung. Nicht an etwas glauben, etwas verstehen oder einem spirituellen Konzept folgen, sondern etwas erfahren, das über unser gewohntes Selbstverständnis hinausweist: tiefe Ruhe, Stille, Weite, Offenheit, Verbundenheit oder manchmal auch eine grundlose Form von Glückseligkeit.

Mit organischer Mystik meine ich einen Weg, der solche Erfahrungen nicht erzwingen oder herstellen will. Er beginnt mit dem, was bereits da ist: mit unserem Körper, unseren Gefühlen, unserer Verletzlichkeit, unseren Schutzstrategien und unserer Lebendigkeit. Meine Erfahrung ist, dass sich etwas öffnen kann, wenn wir dem, was in uns geschieht, weniger ausweichen und es weniger kontrollieren müssen. Mystik wäre dann nicht etwas, das wir erreichen. Sie kann sich organisch aus einer tieferen Begegnung mit uns selbst und dem Leben entwickeln.

Selbstregulation, Schutz und Selbstkontakt

Hier gibt es für mich eine wichtige Verbindung zu NARM und seinem Verständnis von Entwicklungs- und Bindungstrauma. Als Kinder sind wir existenziell auf Beziehung angewiesen. Wenn bestimmte Gefühle, Bedürfnisse oder Impulse in unseren frühen Beziehungen keinen Platz haben, finden wir Wege, damit umzugehen. Wir lernen vielleicht, unseren Ärger zurückzuhalten, Bedürfnisse nicht mehr wahrzunehmen, uns anzupassen, besonders hilfreich oder leistungsfähig zu werden. Wir kontrollieren, mentalisieren, ziehen uns zurück, dissoziieren oder orientieren uns stärker an den Erwartungen anderer als an unserer eigenen Wahrnehmung.

Diese Schutzstrategien waren keine Fehler. Sie ermöglichten uns, mit Situationen umzugehen, für die uns andere Möglichkeiten fehlten. Gleichzeitig regulieren wir uns als Erwachsene oft weiterhin über genau diese Strategien, ohne es überhaupt zu bemerken. Das kann einen Preis haben: Der unmittelbare Kontakt mit unserem Erleben wird schwächer. Wir denken über unser Leben nach, statt es zu erleben. Wir wissen, wie wir sein sollten, spüren aber weniger deutlich, was tatsächlich in uns geschieht.

Damit wird Selbstregulation für mich zu einer wichtigen Grundlage von Kontakt. Je mehr ich mit unangenehmen Empfindungen, Trauer, Ärger oder Scham sein kann, ohne sie sofort verändern zu müssen oder von ihnen überwältigt zu werden, desto weniger bin ich darauf angewiesen, mich über Distanzierung zu regulieren. Selbstkontakt bedeutet dabei nicht, ständig intensiv zu fühlen. Es bedeutet vielmehr, mit der eigenen inneren Erfahrung in Beziehung bleiben zu können. NARM selbst macht darüber keine spirituelle Aussage. Für mich entsteht hier jedoch eine wichtige Brücke zur Mystik.

Der Kontakt mit dem Jetzt führt nicht an mir vorbei

Viele spirituelle Wege betonen die Gegenwart. Eckhart Tolle hat diese Perspektive einem großen Publikum zugänglich gemacht: Das Leben geschieht jetzt, während unser Denken häufig mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt ist. Aus traumainformierter Sicht stellt sich für mich jedoch eine weitere Frage: Was ermöglicht es einem Menschen überhaupt, im gegenwärtigen Moment zu bleiben?

Wenn mein gegenwärtiges Erleben bedrohlich wird, kann es sinnvoll sein, mich davon zu entfernen. Ich gehe in den Kopf, analysiere, plane oder kontrolliere. Auch Denken geschieht natürlich im Jetzt. Entscheidend ist seine Funktion: Bleibe ich dabei mit meinem Erleben verbunden oder dient das Denken dazu, es nicht mehr unmittelbar wahrnehmen zu müssen?

Der Kontakt mit dem Jetzt führt für mich deshalb nicht an mir vorbei. „Sei im Jetzt“, „beobachte deine Gedanken“ oder „lass los“ kann sonst schnell zur nächsten Anforderung werden: Ich müsste gegenwärtiger sein, weniger denken, besser meditieren. Organische Mystik macht auch daraus kein Ziel. Wenn ich bemerke, dass ich mich entferne, interessiert mich vielmehr: Was geschieht gerade in mir? Und kann ich wieder ein wenig mehr damit in Kontakt kommen? Gegenwärtigkeit ist dann kein besonderer Zustand, sondern eine immer wiederkehrende Bewegung zurück in Beziehung – mit mir selbst und mit dem Leben.

Prozessvertrauen – dem folgen, was sich zeigt

Aus diesem Gegenwartskontakt entsteht für mich Prozessvertrauen. Wenn ich weniger damit beschäftigt bin, mein Erleben zu kontrollieren oder abzuwehren, kann ich aufmerksamer dafür werden, was sich tatsächlich zeigt: ein Gefühl, ein Widerstand, ein körperlicher Impuls, eine Begegnung oder etwas, das anders kommt, als ich es geplant hatte.

Prozessvertrauen bedeutet für mich nicht, dass alles gut wird oder alles einen höheren Sinn hat. Es bedeutet auch nicht, passiv zu werden. Vielmehr wächst aus der Erfahrung ein Vertrauen, dass ich nicht jeden Prozess kontrollieren muss, um mich darin orientieren zu können. Ich kann handeln, entscheiden und Grenzen setzen – und gleichzeitig empfänglich bleiben für das, was sich entwickelt.

Darin liegt für mich bereits eine Verbindung zur Mystik. Je mehr ich dem gegenwärtigen Geschehen folgen kann, desto weniger muss ich das Leben ausschließlich aus meinen Vorstellungen heraus steuern. Bei Meister Eckhart begegnet mir eine verwandte Bewegung im Begriff der Gelassenheit: weniger herstellen und festhalten, mehr lassen und empfänglich werden.

Doch Loslassen lässt sich nicht einfach beschließen. Ein Mensch, der gelernt hat, sich durch Kontrolle zu schützen, braucht zunächst genügend Sicherheit und Selbstkontakt. Manchmal beginnt Lassen damit, zu verstehen, warum wir festhalten mussten.

Prozessvertrauen bedeutet für mich deshalb nicht nur Geschehenlassen. Es bedeutet, mit dem Geschehen in Beziehung zu bleiben.

Alle Gefühle gehören dazu

In spirituellen Zusammenhängen begegnet mir immer wieder die Vorstellung von „hoch“ und „niedrig schwingenden“ Gefühlen. Freude, Liebe und Dankbarkeit gelten als hoch schwingend, Ärger, Trauer, Scham oder Neid als niedriger und damit als etwas, das überwunden werden sollte. Diese Vorstellung teile ich nicht. Für mich gibt es keine höheren und niedrigeren Gefühle. Gefühle sind grundlegende Kommunikationsformen unseres organischen Systems. Ärger kann auf eine verletzte Grenze hinweisen, Trauer auf einen Verlust, Scham auf eine Bedrohung von Beziehung und Zugehörigkeit. Sie enthalten Informationen und wollen zunächst wahrgenommen werden.

Wichtig finde ich dabei die Unterscheidung zwischen einem Gefühl und den Gedanken, mit denen wir es verbinden. Ein Gefühl ist ein lebendiger körperlicher Prozess und verändert sich. Gedanken können eine emotionale Erfahrung dagegen immer wieder neu aktivieren und über lange Zeit festhalten. Wir können dieselben Geschichten und inneren Dialoge wiederholen und damit Kränkung, Ärger oder Ohnmacht immer wieder herstellen. So kann sich auch eine Opferidentität verfestigen. Das bedeutet nicht, dass ein Mensch nicht tatsächlich Opfer von Verletzung oder Ungerechtigkeit geworden sein kann. Die Frage ist, ob die Erfahrung zu einer dauerhaften Identität wird, aus der heraus auch die Gegenwart immer wieder interpretiert wird.

Organische Mystik bedeutet für mich deshalb nicht, unangenehme Gefühle zu überwinden oder „höher zu schwingen“. Sie lädt vielmehr dazu ein, vollständiger mit dem in Kontakt zu kommen, was tatsächlich da ist.

Fühlen, Selbstkontakt und Verkörperung

Viele kontemplative Praktiken schulen die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen zu beobachten. Das kann wertvoll sein. Gleichzeitig kann reines Beobachten bei Menschen, die ohnehin gelernt haben, sich von ihrem Erleben zu distanzieren, mit einer dissoziativen Tendenz zusammenspielen. Ich sehe meine Trauer, bin aber nicht wirklich mit ihr in Kontakt. Ich registriere eine Empfindung im Körper, bleibe aber innerlich auf Abstand. Ich werde zum Beobachter meines Lebens, anstatt es von innen zu erleben.

Deshalb interessiert mich nicht nur: Was nehme ich wahr? Sondern auch: Kann ich damit in Kontakt sein? Ich kann feststellen: Da ist Trauer. Oder ich kann mich von innen auf diese Trauer einlassen. Wo ist sie im Körper? Welche Bewegung hat sie? Kann ich sie fühlen, ohne mich in der Geschichte zu verlieren, die mit ihr verbunden ist? Fühlen bedeutet dabei nicht, sich von einer Emotion überschwemmen zu lassen. Es braucht genügend Selbstregulation, um mit der Erfahrung verbunden bleiben zu können.

Je mehr dieser Selbstkontakt möglich wird, desto mehr kann ich auch meinen Körper bewohnen. Empfindungen, Bewegungsimpulse, Grenzen und Bedürfnisse werden deutlicher. Die Aufmerksamkeit sinkt gewissermaßen aus dem Kopf tiefer in den Körper. Das kann sich ganz unspektakulär zeigen: mehr Erdung, Ruhe und Langsamkeit, ein Gefühl von Verwurzelung und eine größere Fähigkeit, einfach anwesend zu sein. Der Körper wird nicht verlassen, um einen besonderen Bewusstseinszustand zu erreichen – er wird tiefer belebt.

Für mich ist diese Verkörperung eine wichtige Startrampe für mystische Erfahrung. Vielleicht versuchen wir nicht, den Körper zu transzendieren. Wir gehen tiefer in ihn hinein – und entdecken möglicherweise gerade dort eine Dimension, die über unsere gewohnte Vorstellung von uns selbst hinausweist.

Desidentifikation – wenn Schutzstrategien durchlässiger werden

In vielen spirituellen Traditionen spielt die Desidentifikation vom Ego eine zentrale Rolle. Dieser Gedanke ist mir nah, gleichzeitig ist mir der Begriff „Ego“ häufig zu allgemein. NARM bietet hier eine differenziertere Perspektive. Was wir für unsere Persönlichkeit halten, kann zum Teil aus Schutzstrategien und Identifikationen bestehen, die sich in frühen Beziehungen entwickelt haben. Ein Mensch erlebt sich vielleicht als unabhängig, kontrolliert, angepasst, leistungsorientiert oder besonders hilfsbereit. Erst allmählich kann sichtbar werden, dass darin auch eine Schutzbewegung liegt.

Die Veränderung besteht nicht darin, diese Seite loszuwerden. Der Versuch, das Ego zu überwinden, kann sogar zur nächsten Form von Selbstablehnung und Selbstoptimierung werden. Stattdessen kann ich wahrnehmen: Da ist eine Strategie, die ich entwickelt habe. Sie gehört zu meiner Geschichte, aber sie ist nicht alles, was ich bin. Aus „So bin ich“ wird vielleicht: „Ich bemerke, dass ich mich gerade kontrolliere.“

Damit entsteht Desidentifikation auf sehr konkrete Weise. Ich muss die Schutzstrategie nicht beseitigen, bin aber auch nicht mehr vollständig mit ihr verschmolzen. Und hier öffnet sich für mich eine mystische Frage: Wenn ich nicht vollständig meine Schutzstrategien, Glaubenssätze und meine biografisch entstandene Identität bin – wer oder was bin ich dann?

Mystik als subversive Kraft

Vielleicht hat Mystik auch etwas Subversives. Nicht unbedingt gesellschaftlich oder politisch, sondern zunächst ganz unmittelbar: Sie kann unsere Orientierung daran infrage stellen, wie wir sein sollten.

Spiritualität wird häufig mit Sanftheit, Ruhe, Freundlichkeit und Achtsamkeit verbunden. Daraus kann unbemerkt ein neues Ideal entstehen: Ein spiritueller Mensch sollte friedlich sein, nicht wütend werden, niemanden vor den Kopf stoßen und möglichst immer achtsam reagieren. Aus traumainformierter Perspektive werde ich hier vorsichtig. Denn genau solche Eigenschaften können auch aus Anpassung entstehen. Wer früh gelernt hat, dass Ärger, Direktheit, Grenzen oder starke eigene Impulse Beziehung gefährden, kann ausgesprochen freundlich und kontrolliert werden – und dabei weit von sich selbst entfernt sein.

Eine mystische Haltung könnte deshalb gerade darin bestehen, weniger einer Vorstellung davon zu folgen, wie ich sein sollte, und unmittelbarer wahrzunehmen, was tatsächlich in mir geschieht. Das kann bedeuten, Nein zu sagen, eine Grenze zu setzen, etwas Unbequemes auszusprechen oder einem Impuls zu folgen, der nicht dem entspricht, was andere von mir erwarten. Nicht jeder Impuls muss ausgelebt werden. Aber er darf zunächst da sein, bevor ich ihn zensiere.

Hier berührt Mystik für mich auch Agency – die Erfahrung eigener Handlungsfähigkeit. Je mehr ich mit mir in Kontakt bin, desto eher kann ich wahrnehmen, was ich will, was ich nicht will und welche Antwort ich auf eine Situation geben möchte. Ich reagiere weniger automatisch aus Anpassung und habe mehr Möglichkeit zu wählen. Spiritualität führt dann nicht zu weniger Eigenwillen, sondern möglicherweise zu einer unmittelbareren Form von Verantwortung: Ich kann wahrnehmen, entscheiden und handeln – und die Folgen meines Handelns tragen.

Das Subversive daran liegt vielleicht darin, dass die äußere Orientierung schwächer wird. Nicht ständig: Wie wirke ich? Bin ich achtsam genug? Bin ich ein guter Mensch? Sondern zunächst: Was geschieht gerade? Was ist meine Erfahrung? Wo ist mein Ja und wo mein Nein? Welche Antwort möchte durch mich entstehen?

Mystik macht uns in diesem Sinne vielleicht nicht angepasster, sondern wirklicher. Kontakt tritt an die Stelle von Selbstzensur, Agency an die Stelle automatischer Anpassung.

Wenn es stiller wird – die vertikale Dimension

Wenn Ärger, Trauer oder Scham Raum bekommen und wir weniger Energie darauf verwenden müssen, unser inneres Erleben abzuwehren oder gedanklich festzuhalten, kann sich die Qualität der Erfahrung verändern. Manchmal wird es stiller. Der Körper entspannt sich, die Atembewegungen können feiner werden, das innere Drängen nimmt ab. Gleichzeitig können subtilere Zustände auftauchen: tiefe Ruhe, Offenheit, Weite, Verbundenheit oder manchmal eine stille Form von Glückseligkeit.

Diese Erfahrungen fühlen sich für mich anders an als gewöhnliche Emotionen. Gefühle haben häufig eine Bewegung und einen Bezug. Die Zustände, von denen ich hier spreche, erlebe ich weniger gerichtet und eher räumlich. Da ist einfach Ruhe, Weite, Offenheit oder ein Gefühl von Verbundenheit, ohne dass ich genau sagen könnte, womit ich verbunden bin.

Hier öffnet sich für mich etwas, das ich als vertikale Dimension der Gegenwart bezeichnen würde. Unser gewöhnliches Zeiterleben ist horizontal organisiert: Wir kommen aus einer Vergangenheit und bewegen uns auf eine Zukunft zu. Wir erinnern uns, vergleichen, erwarten und planen. Im unmittelbaren gegenwärtigen Erleben kann sich eine andere Dimension zeigen. Für Momente tritt unsere Geschichte zurück. Vergangenheit und Zukunft verschwinden nicht, aber sie verlieren ihre beherrschende Bedeutung. Es gibt vor allem dieses Jetzt.

Diese Erfahrung kann etwas Zeitloses bekommen. Nicht als metaphysische Behauptung, sondern als unmittelbar erlebte Qualität: Für einen Moment muss ich nirgendwohin. Es gibt nichts zu erreichen. Vielleicht liegt hier für mich ein Übergang vom Psychologischen zum Mystischen.

Die Stille ist dabei nicht höher als die Trauer und die Weite nicht spiritueller als der Ärger. Vielleicht kann sich die Stille gerade deshalb öffnen, weil wir aufgehört haben, einen Teil unseres Erlebens als niedriger oder weniger spirituell zurückzuweisen.

Die Pforte liegt im Menschlichen

Hinter der Idee der organischen Mystik liegt für mich eine Annahme, die ich nicht wissenschaftlich beweisen kann und auch nicht als solche darstellen möchte. Sie gehört zu meiner spirituellen Sicht auf den Menschen: Ich gehe davon aus, dass wir nicht erst spirituelle Wesen werden müssen.

Es gibt in uns etwas, das tiefer reicht als unsere biografische Identität, unsere Selbstbilder und Schutzstrategien. Man kann es Selbst, Wesenskern, Seele, Bewusstsein oder ganz anders nennen. Die Begriffe sind für mich weniger wichtig als die Erfahrung, auf die sie hinweisen. Wenn das stimmt, verändert sich die Richtung spiritueller Suche. Ich muss nicht irgendwohin gelangen. Vielleicht geht es vielmehr darum wahrzunehmen, was mich daran hindert, das zu erfahren, was bereits da ist.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Schutzstrategien loswerden müssen. Auch das wäre wieder ein Optimierungsprojekt. Aber wir können beginnen, sie wahrzunehmen, ihre Funktion zu verstehen und uns weniger vollständig mit ihnen zu identifizieren. Organische Mystik ist für mich deshalb kein neuer spiritueller Weg und keine Methode. Auch NARM selbst ist keine spirituelle Methode. Die Verbindung, die ich hier beschreibe, ist meine eigene.

Mich interessiert, was geschieht, wenn wir uns dem zuwenden, was uns vermeintlich im Weg steht – unserem Ärger, unserer Trauer, Scham, Körperlichkeit, unseren Schutzstrategien und Verletzungen – und darin nicht nur etwas sehen, das beseitigt werden muss. Vielleicht enthält gerade das, was uns im Weg steht, eine Pforte.

Und hier kommt für mich noch einmal Prozessvertrauen ins Spiel, nun auf einer tieferen Ebene. Aus vielen kleinen Erfahrungen des Zulassens und Mitgehens kann allmählich die Ahnung entstehen, dass wir vielleicht tiefer in das Leben eingebettet sind, als unsere gewohnte Vorstellung eines getrennten Ichs vermuten lässt. Nicht als Gewissheit darüber, dass alles einen Sinn hat, sondern als Erfahrung, nicht alles allein herstellen und kontrollieren zu müssen.

Wenn mehr Selbstregulation, Selbstkontakt, Verkörperung und Agency möglich werden, können wir unmittelbarer mit dem gegenwärtigen Leben in Beziehung treten. Manchmal öffnet sich darin etwas, das über unsere vertraute Vorstellung von uns selbst hinausgeht: eine Stille, die wir nicht gemacht haben, Weite, Offenheit, Verbundenheit – ein Augenblick, in dem nichts erreicht werden muss.

Diese Erfahrungen sind kein Ziel und kein Beweis spiritueller Entwicklung. Sie kommen und gehen. Aber vielleicht erinnern sie an etwas.

Organische Mystik bedeutet für mich deshalb nicht, dem Menschlichen zu entkommen, um spirituell zu werden. Vielleicht führt der Weg genau in die andere Richtung: nicht höher, sondern tiefer.

Weiterführende Literatur und Einflüsse

Der Begriff „Organische Mystik“ beschreibt meine eigene Verbindung von traumainformierter Selbsterforschung, Verkörperung, Prozessvertrauen und mystischer Erfahrung. Wichtige Einflüsse sind Laurence Heller und Aline LaPierre mit Entwicklungstrauma heilen sowie Laurence Heller und Brad Kammer mit The Practical Guide for Healing Developmental Trauma für NARM, Schutzstrategien, Selbstkontakt und Agency; Meister Eckhart und Johannes Tauler für Gelassenheit, Lassen und die Tradition christlicher Mystik; Christian Meyer für Fühlen, Sinken und Geschehenlassen; Eli Jaxon-Bear für Selbsterforschung und Desidentifikation; Arnold Mindell für Prozessarbeit, das Folgen feiner Signale und das Vertrauen in sich entfaltende Prozesse; sowie Eckhart Tolle für die Bedeutung des gegenwärtigen Augenblicks.

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