Kreative Selbsterforschung – dem eigenen Prozess neugierig folgen

Vom Verändern zum Erforschen

Wenn etwas in unserem Leben schwierig wird, möchten wir es verständlicherweise verändern. Weniger Angst haben. Uns besser abgrenzen. Nicht mehr so viel nachdenken. Selbstbewusster werden. Eine Beziehung anders führen. Endlich aus einem wiederkehrenden Muster herauskommen.

Wir können versuchen, unser Verhalten zu verändern. Manchmal ist genau das hilfreich. Doch Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Hinter dem, was wir tun oder vermeiden, liegen Erfahrungen, Gefühle, Bedürfnisse, Körperreaktionen, innere Überzeugungen und Schutzstrategien. Manche davon kennen wir gut, andere wirken, ohne dass sie uns unmittelbar bewusst sind. Selbsterforschung interessiert sich deshalb nicht nur für die Frage: Wie kann ich mich verändern? Sondern zunächst: Was geschieht hier eigentlich – und was zeigt sich, wenn ich genauer hinschaue?

Damit verändert sich die Richtung. Ich versuche nicht, möglichst schnell von einem unerwünschten Zustand zu einem erwünschten zu gelangen. Ich werde neugierig auf den Prozess selbst. Was geschieht unmittelbar bevor ich mich zurückziehe? Was nehme ich wahr, wenn ich Nein sagen möchte? Warum werde ich plötzlich unruhig, obwohl scheinbar gar nichts passiert? Was zeigt sich im Körper, in einem Traum, einer Bewegung oder einem unerwarteten Impuls?

Dabei geht es nicht darum, möglichst tief zu graben oder eine verborgene Ursache finden zu müssen. Kreative Selbsterforschung vertraut vielmehr darauf, dass sich im gegenwärtigen Prozess etwas von dem zeigen kann, was für uns wesentlich ist – manchmal überraschend und anders, als wir erwartet haben.

Persönliche Entwicklung kann leicht zu einem weiteren Optimierungsprojekt werden: gelassener, selbstbewusster, achtsamer oder emotional ausgeglichener zu werden. Kreative Selbsterforschung setzt an einem anderen Punkt an. Sie fragt nicht zuerst, wie etwas weggeht, sondern was gerade geschieht. Aus einem vermeintlichen Defizit kann so etwas werden, dem wir neugierig begegnen und das wir erforschen können.

Neugier statt Bewertung

Selbsterforschung hängt nicht nur davon ab, was wir untersuchen, sondern auch davon, wie wir uns dabei selbst begegnen. Viele Menschen richten einen kritischen Blick auf sich. Wir beobachten unsere Unsicherheit, unsere Angst, unsere Wut oder unsere Beziehungsmuster und beginnen fast gleichzeitig, sie zu bewerten: Warum bin ich so? Das sollte doch längst anders sein. Selbstbeobachtung kann dadurch leicht zu einer Fortsetzung jener Selbstkritik werden, unter der wir ohnehin leiden.

Kreative Selbsterforschung versucht eine andere Haltung einzunehmen: Neugier statt Bewertung. Nicht: Was stimmt hier nicht? Sondern zunächst: Ah, interessant – was geschieht hier eigentlich? Dazu gehört ein wohlwollendes und mitfühlendes Hinwenden zur eigenen Erfahrung, aber ebenso etwas Spielerisches, Freches und Experimentelles. Ich darf etwas ausprobieren, übertreiben, eine ungewohnte Bewegung machen, einer absurden Idee folgen oder etwas tun, von dem ich noch nicht weiß, wozu es gut sein soll.

Dabei interessiert nicht in erster Linie das Ergebnis. Der Prozess selbst wird zum Forschungsraum. Was geschieht mit mir, während ich etwas tue? Wann werde ich unsicher? Wo kommt Freude auf? Wann beginnt die innere Zensur? Wo werde ich plötzlich lebendig, ärgerlich, verlegen oder neugierig? Ich muss mich dabei nicht bereits kennen. Ich darf mich von mir selbst überraschen lassen. Gerade etwas Fremdes, Unpassendes oder zunächst Sinnloses kann interessant werden, wenn ich es nicht sofort korrigiere oder erklären muss.

Kreative Selbsterforschung bedeutet für mich deshalb auch, eine neugierigere und spielerischere Beziehung zum Unbekannten in uns selbst zu entwickeln.

Nicht suchen, sondern finden lassen

Wenn ich bereits weiß, wonach ich suche, finde ich leicht eine Bestätigung dessen, was ich ohnehin über mich glaube. Vielleicht erkläre ich meine Schwierigkeiten mit meiner Kindheit, meinem Bindungsstil, einem Trauma oder einer bestimmten Persönlichkeitseigenschaft. Solche Erklärungen können hilfreich sein. Sie können aber auch den Blick verengen.

Kreative Selbsterforschung beginnt deshalb mit einem gewissen Nichtwissen. Ich bringe eine Frage oder ein Anliegen mit, aber ich kenne die Antwort noch nicht. Ich nehme wahr, experimentiere, folge einer Spur und beobachte, was geschieht. Vielleicht führt mich ein Gespräch zu einer Körperempfindung, eine Bewegung zu einem inneren Bild, ein Widerstand zu einem Bedürfnis oder eine Gestaltung zu etwas, von dem ich vorher nicht wusste, dass es mich beschäftigt.

Das ist für mich die kreative Dimension von Selbsterforschung: Ich versuche nicht, etwas Bestimmtes in mir zu finden. Ich schaffe Bedingungen, unter denen sich etwas zeigen kann. Dadurch kann Selbsterforschung tiefer führen als eine Veränderung, die nur am sichtbaren Verhalten ansetzt. Nicht weil „Tiefe“ an sich besser wäre oder jeder Prozess zu einer verborgenen Ursache führen muss. Sondern weil wir mit inneren Zusammenhängen in Kontakt kommen können, aus denen unser Erleben und Handeln hervorgeht.

Manchmal verändert sich dadurch auch das Verhalten. Aber Veränderung ist nicht unbedingt das Ergebnis einer Anweisung an uns selbst. Sie kann daraus entstehen, dass wir etwas wahrnehmen, fühlen oder verstehen, das vorher außerhalb unseres Bewusstseins lag.

Für diese offene, experimentelle und prozessorientierte Form des Forschens verwende ich den Begriff kreative Selbsterforschung. Kreativ bedeutet dabei nicht in erster Linie künstlerisch oder originell. Es bezeichnet eine Haltung: ausprobieren, wahrnehmen, antworten, einer Spur folgen, etwas entstehen lassen – ohne bereits zu wissen, wohin der Prozess führt.

Selbsterforschung hat viele Wurzeln

Die Idee, sich selbst zum Gegenstand einer forschenden Aufmerksamkeit zu machen, ist nicht neu. In unterschiedlichen psychologischen, künstlerischen und spirituellen Traditionen finden sich Formen der Selbsterforschung – allerdings mit verschiedenen Vorstellungen davon, was dabei erforscht wird und wie dies geschieht.

In der Psychoanalyse wurde die Erforschung unbewusster Vorgänge zu einem zentralen Anliegen. Die Humanistische Psychologie verlagerte den Akzent später stärker auf unmittelbare Erfahrung, Selbstexploration, Begegnung und die Entwicklung eigener Möglichkeiten. Im Psychodrama von Jacob Levy Moreno kamen Spontaneität, Kreativität und handelndes Erproben hinzu. Körper- und erlebnisorientierte Ansätze erweiterten diesen Forschungsraum um Empfindungen, Bewegungen und körperliche Prozesse.

Auch spirituelle Traditionen kennen Formen der Selbsterforschung. Dort kann die Frage noch grundsätzlicher werden: Was ist dieses Selbst, das ich gewöhnlich für „mich“ halte? In kontemplativen und mystischen Wegen geht es nicht nur um die eigene Persönlichkeit, sondern auch um Erfahrungen, die über unser gewohntes Selbstverständnis hinausweisen.

Eine weitere, für mich persönlich wichtige Linie kommt aus Kunst und Gestaltung. In der experimentellen Kunst wurde das künstlerische Tun selbst als Möglichkeit verstanden, etwas herauszufinden, das vorher noch nicht bekannt war. Besonders Serge Stauffers Idee einer „Kunst als Forschung“ und die experimentelle Haltung der frühen F+F in Zürich haben mein Verständnis geprägt.

Mit kreativer Selbsterforschung bezeichne ich keine neue therapeutische Methode und auch keine dieser Traditionen für sich. Mich interessiert vielmehr ein Raum, in dem sich unterschiedliche Zugänge begegnen können.

Erfahrung vor Erklärung

Wir können sehr viel über uns wissen und trotzdem immer wieder in denselben Mustern landen. Verstehen kann hilfreich sein, verändert aber nicht automatisch unsere Erfahrung. Kreative Selbsterforschung bleibt deshalb nicht beim Erklären stehen. Eine Grenze kann nicht nur verstanden, sondern körperlich wahrgenommen werden. Ein Impuls kann ausprobiert, eine Erfahrung gestaltet oder in einer Begegnung unmittelbar erforscht werden. Erfahrung kommt zunächst vor Interpretation.

Experimentieren über Disziplingrenzen hinweg

Eine wichtige Wurzel dieses Verständnisses liegt für mich in meiner Herkunft aus Kunst und Gestaltung. Besonders prägend ist die Idee, Gestaltung nicht nur als Herstellung eines Werkes, sondern als Form des Forschens zu verstehen.

Serge Stauffer entwickelte seine Vorstellung einer „Kunst als Forschung“ aus einem experimentellen Verständnis künstlerischer Praxis. In der frühen F+F Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich spielten das freie Experiment, offene Versuchsanordnungen und das Überschreiten herkömmlicher Disziplingrenzen eine wichtige Rolle. Stauffer verband dies nicht mit psychologischer Selbsterforschung. Für mich war diese Haltung dennoch prägend: Ich muss nicht bereits wissen, was herauskommt, um beginnen zu können. Ich kann eine Situation herstellen, etwas ausprobieren, beobachten, was geschieht, und von dort weitergehen.

Das Experiment dient nicht dazu, eine bereits bekannte Antwort zu bestätigen. Es schafft eine Situation, in der etwas herausgefunden werden kann. Eine Übung ist für mich deshalb im besten Fall keine Aufgabe mit einem richtigen Ergebnis, sondern eine Versuchsanordnung.

Kreative Selbsterforschung ist für mich auch in diesem Sinne transdisziplinär. Nicht weil möglichst viele Methoden kombiniert werden sollen, sondern weil unsere Erfahrung selbst sich nicht an deren Grenzen hält. Ein Gespräch kann zu einer Körperwahrnehmung führen, daraus eine Bewegung entstehen, aus der Bewegung ein inneres Bild. Ein Traum kann Ausgangspunkt einer gestalterischen Untersuchung werden, eine Naturerfahrung später in einer Dyade weiterwirken. Nicht die Methode entscheidet im Voraus, wohin der Prozess führen soll. Unterschiedliche Zugänge können sich gegenseitig etwas sichtbar machen.

Dem träumenden Hintergrund folgen

In der Prozessorientierten Psychologie von Arnold Mindell habe ich dafür eine weitere wichtige Sprache gefunden. Mindell interessiert sich besonders für Erfahrungen, die nicht vollständig zu unserer bewussten Absicht und vertrauten Identität gehören: Körpersignale, Bewegungen, Träume, Fantasien, Versprecher, Störungen oder kaum wahrnehmbare Impulse.

Er unterscheidet dabei unter anderem zwischen primären und sekundären Prozessen. Primär ist vereinfacht gesagt das, womit wir uns identifizieren und was wir bereits über uns kennen. Sekundär sind Erfahrungen, die zunächst fremd, störend oder nebensächlich erscheinen können. Mich interessiert daran besonders die Vorstellung eines träumenden Hintergrunds unseres Erlebens. Nicht nur das, was ich über mich erzählen und bewusst beabsichtigen kann, enthält Information. Manchmal zeigt sich etwas zunächst am Rand.

Vielleicht erzähle ich, dass mich etwas kaum berührt, während mein Körper deutlich reagiert. Vielleicht möchte ich eine harmonische Form gestalten und verspüre plötzlich den Impuls, sie zu zerstören. Statt solche Abweichungen sofort zu korrigieren, können wir neugierig werden: Was geschieht, wenn ich dieser Spur folge? Das Unerwartete wird damit nicht zur Störung des eigentlichen Prozesses. Es kann selbst Teil des Prozesses sein.

NARM – Beziehung als Forschungsraum

NARM bringt für mich eine weitere Dimension in die kreative Selbsterforschung: die Frage, wie wir im gegenwärtigen Moment mit uns selbst und anderen in Beziehung sind.

Was geschieht gerade, während ich über etwas spreche? Verliere ich den Kontakt zu mir? Beginne ich zu erklären oder mich anzupassen? Was möchte ich eigentlich? Was geschieht, wenn ich mich nicht verstanden fühle oder etwas von mir zeige, ohne bereits zu wissen, wie mein Gegenüber reagieren wird?

Viele unserer Muster sind in Beziehung entstanden und werden auch in Beziehung sichtbar. Deshalb kann die Begegnung selbst zum Forschungsraum werden. In einer therapeutischen Begleitung ebenso wie in Dyaden oder Gruppen interessiert nicht nur, was jemand erzählt, sondern auch, was im gegenwärtigen Kontakt geschieht: Rückzug und Annäherung, Anpassung, Unsicherheit, Scham, das Bedürfnis, etwas richtig zu machen – oder die Erfahrung, mit etwas da sein zu können, ohne sich verändern zu müssen.

Auch der Körper gehört zu diesem Forschungsraum. Atem, Spannung, zurückgehaltene Bewegungen oder plötzlich auftauchende Kraft können etwas erfahrbar machen, bevor wir es vollständig erklären können – nicht weil der Körper immer „die Wahrheit“ kennt, sondern weil er eine weitere Ebene unserer Wahrnehmung eröffnet.

Für mich ist dabei besonders wichtig, dass auch der Begleiter nicht bereits wissen muss, wohin ein Prozess führen soll. Fachliches Wissen und Erfahrung sind vorhanden, dürfen aber für einen Moment zurücktreten. Eine gute Begleitung braucht die Fähigkeit, gemeinsam mit einem Menschen etwas noch nicht zu wissen.

Damit verbindet sich Selbsterforschung mit Selbstwirksamkeit und Agency: Ich entdecke nicht nur, wie meine bisherigen Beziehungsmuster funktionieren. Ich kann im unmittelbaren Kontakt wahrnehmen, wie ich heute auf meine Erfahrung antworte und welche anderen Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen.

Intuitive Gestaltung – wenn etwas eine Form bekommt

Eine weitere Form kreativer Selbsterforschung ist für mich die intuitive Gestaltung. Mit Ton, Papier, Farbe, Holz, Naturmaterialien oder gefundenen Gegenständen kann etwas eine Form bekommen, für das es vielleicht noch keine Worte gibt. Ich muss nicht wissen, was entstehen soll. Ich beginne mit einem Impuls und antworte auf das, was durch mein Handeln entsteht.

Eine einfache Form davon kann eine schnelle gestalterische Momentaufnahme sein. Ich beginne ohne Plan oder Vorstellung, mache eine Linie, wähle eine Farbe, zerreiße etwas, füge etwas hinzu und folge dem nächsten Impuls. Dabei interessiert zunächst weniger, was am Ende entstanden ist, sondern was ich während des Gestaltens erlebe. Wann beginne ich zu kontrollieren? Wann taucht die Vorstellung auf, es müsse schön oder richtig werden? Was geschieht, wenn ich dieser Erwartung einmal nicht folge? Wo entsteht Lust, Widerstand, Unsicherheit oder plötzlich Energie?

Das Gestalten selbst wird zum Forschungsprozess. Ich kann beobachten, wie ich entscheide, wann ich zögere, wann ich mich zensiere, wann ich mutiger werde und wann etwas geschieht, das mich überrascht. Auch das entstandene Bild oder Objekt kann anschließend weiter erforscht werden – aber nicht in erster Linie als Ergebnis, das bewertet werden muss. Ich kann ihm eher begegnen wie einem Traum: Ah, interessant. Das ist also entstanden. Was begegnet mir darin? Was irritiert oder berührt mich?

Das Werk ist nicht das Ziel. Es ist eine Spur des Prozesses und kann zugleich Ausgangspunkt für weiteres Forschen werden.

Gestaltung als menschliche Möglichkeit

Auch Joseph Beuys’ erweiterter Kunstbegriff hat mein Verständnis von Kreativität geprägt. Mit seinem oft zitierten Gedanken „Jeder Mensch ist ein Künstler“ weitete er den Begriff des Künstlerischen über das Herstellen von Kunstwerken hinaus. Kreativität verstand er als eine grundlegende menschliche Fähigkeit: Menschen können gestalten, verändern und an der Formung ihres eigenen Lebens und der Gesellschaft mitwirken.

Wir gestalten nicht nur Bilder oder Objekte. Wir gestalten Situationen, Beziehungen und soziale Räume und – innerhalb der Möglichkeiten und Grenzen, die uns gegeben sind – auch unser Leben.

Für die kreative Selbsterforschung ist mir daran besonders der Gedanke der Gestaltungsfähigkeit wichtig. Wir sind nicht nur dem ausgeliefert, was uns geprägt hat oder was in uns geschieht. Wir können wahrnehmen, wie wir auf unsere Erfahrung antworten, neue Möglichkeiten ausprobieren und mitgestalten.

Natur, Verbundenheit und organische Mystik

Kreative Selbsterforschung muss sich nicht auf das beschränken, was wir gewöhnlich als unsere „Innenwelt“ verstehen. Sie kann auch die Art erforschen, wie wir uns zur Welt in Beziehung erleben.

In meinen Retreats arbeite ich beispielsweise mit einfachen Naturgängen oder Miniquests. Eine mögliche Einladung lautet, für eine Weile nichts Bestimmtes zu suchen. Keine Antwort, kein besonderes Erlebnis. Einfach gehen und wahrnehmen: Was finde ich, wenn ich nichts suche? Was kommt mir entgegen?

Vielleicht fallen mir umgestürzte Bäume auf, ich entdecke die Federn eines Eichelhähers, höre ein seltsames Geräusch oder bemerke kleine Käfer, die ich noch nie gesehen habe. Dinge, an denen ich sonst vielleicht vorbeigegangen wäre, treten plötzlich hervor. Was vorher im Hintergrund war, kann in den Vordergrund treten. Es geht zunächst nicht darum, was dies „bedeutet“, sondern darum, sich von dem, was mir begegnet, berühren und überraschen zu lassen.

Das Experiment kann noch weitergehen: Was geschieht, wenn ich mich für eine Weile nicht als getrennt von der Landschaft erlebe, sondern als offenporig und mit ihr verbunden? Wenn die Natur nicht nur eine äußere Kulisse ist, die ich betrachte, sondern ein lebendiges Geschehen, dessen Teil ich selbst bin?

Natur ist dafür nicht der einzige mögliche Erfahrungsraum. Auch in Stille, Kontemplation, Begegnung oder mitten im Alltag kann die gewohnte Trennung zwischen „mir“ und „Welt“ durchlässiger werden. In der Natur kann dies jedoch sehr unmittelbar erfahrbar sein: Ich betrachte Natur nicht nur – ich bin selbst Natur, eingebettet in ein größeres Geschehen.

Hier liegt für mich eine Brücke zur organischen Mystik. Nicht weil eine solche Erfahrung bereits mystisch sein muss, sondern weil sich die Frage erweitert: nicht nur Was geschieht in mir?, sondern auch: Wie erlebe ich mich als Teil und in Beziehung mit etwas, das über mein gewohntes Ich hinausgeht?

Organische Mystik beginnt für mich dabei nicht mit einer Erklärung dieses Größeren, sondern mit der Erfahrung selbst: mit Verbundenheit, Offenheit und Nichtwissen – und mit der Frage, ob wir tatsächlich so getrennt sind, wie wir uns gewöhnlich erleben.

Prozessvertrauen und Selbstwirksamkeit

Kreative Selbsterforschung bedeutet nicht, sich endlos selbst zu beobachten. Entscheidend ist auch die Erfahrung, auf das Wahrgenommene antworten zu können. Ich spüre eine Grenze – kann ich ihr Ausdruck geben? Ich bemerke einen Impuls – kann ich ihm probeweise folgen? Ich erkenne, dass ich mich gerade anpasse – gibt es auch eine andere Möglichkeit?

Hier entsteht Selbstwirksamkeit. Ich muss nicht alles kontrollieren, was in mir oder um mich herum geschieht. Aber zwischen einem automatischen Muster und meiner Antwort kann ein kleiner Raum entstehen.

Prozessvertrauen bedeutet für mich dabei nicht, zu glauben, dass alles einen höheren Sinn hat oder am Ende alles gut wird. Es ist vielmehr die Erfahrung: Ich muss den nächsten Schritt nicht bereits kennen. Ich kann wahrnehmen, was geschieht, und darauf antworten.

Nichtwissen und Selbstwirksamkeit widersprechen sich deshalb nicht. Gerade weil ich den Ausgang nicht kenne, kann ich lernen, mit dem in Beziehung zu bleiben, was auftaucht.

Eine transdisziplinäre Praxis

Kreative Selbsterforschung ist für mich keine einzelne Methode, sondern eine forschende Haltung. Das Verbindende ist: Neugier statt Bewertung. Erfahrung vor Interpretation. Experiment statt vorgegebenem Ergebnis. Nichtwissen statt vorschneller Gewissheit.

Vielleicht bedeutet kreative Selbsterforschung letztlich, das eigene Leben nicht nur als etwas zu betrachten, das verstanden oder verbessert werden muss, sondern als einen lebendigen Prozess, mit dem wir in Beziehung treten können. Wir können ihn wahrnehmen, erforschen und gestalten – und uns von ihm überraschen lassen.

Literatur & weiterführende Quellen

Serge Stauffer: Kunst als Forschung. Essays, Gespräche, Übersetzungen, Studien. Scheidegger & Spiess, Zürich.
Zum künstlerischen Experiment und zur Vorstellung von Gestaltung als Forschung.

Arnold Mindell: Der Leib und die Träume. Junfermann.
Zu Körpersignalen, Träumen und der Arbeit mit primären und sekundären Prozessen.

Laurence Heller & Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen. Kösel.
Grundlagen von NARM und der Arbeit mit Entwicklungs- und Beziehungsmustern.

Stephen Nachmanovitch: Free Play. Improvisation in Life and Art.
Über Improvisation, schöpferisches Handeln, Spiel und die Offenheit gegenüber dem Unvorhergesehenen.

Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit. Klett-Cotta.
Ein grundlegender Text der Humanistischen Psychologie zu unmittelbarer Erfahrung, Selbstexploration und einer nicht-direktiven therapeutischen Haltung.

Jacob Levy Moreno: Schriften zu Psychodrama und Soziometrie.
Als historischer Bezug zu Spontaneität, Kreativität und handelndem Erproben.

Joseph Beuys: Schriften und Gespräche zum erweiterten Kunstbegriff und zur sozialen Plastik.
Zum Verständnis von Kreativität und Gestaltung als menschlicher und gesellschaftlicher Möglichkeit.

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