Die prozessorientierte Haltung – dem folgen, was sich zeigt

Was ist eigentlich ein Prozess?

Wir sprechen von Entwicklungsprozessen, therapeutischen Prozessen, kreativen Prozessen oder Gruppenprozessen. Oft meinen wir damit einfach, dass sich etwas über eine gewisse Zeit verändert. In der Prozessorientierten Psychologie von Arnold Mindell hat der Begriff eine spezifischere Bedeutung.

Ein Prozess umfasst den fortlaufenden Strom unserer Erfahrung: das, was wir bewusst wahrnehmen und beabsichtigen, ebenso wie das, was ungeplant geschieht. Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen gehören dazu, aber auch Bewegungen, Träume, Bilder, Beziehungssignale, Widerstände oder scheinbare Störungen.

Prozesse werden dabei als potenziell sinnvoll betrachtet. Das bedeutet nicht, dass alles eine tiefere Bedeutung haben muss. Aber auch das, was irritiert, widerspricht oder den beabsichtigten Verlauf stört, kann wichtige Information enthalten. Prozessorientierung fragt deshalb weniger: Wie komme ich möglichst schnell von hier nach dort? Sondern: Was geschieht gerade – und was zeigt sich, wenn wir dem aufmerksam folgen?

Woher kommt die prozessorientierte Haltung?

Der Begriff „prozessorientiert“ wird heute in vielen Bereichen verwendet – in Psychotherapie, Coaching und Pädagogik ebenso wie in Organisationsentwicklung und Management. Entsprechend Unterschiedliches kann damit gemeint sein.

Mein Verständnis ist wesentlich von der Prozessorientierten Psychologie Arnold Mindells geprägt, die seit den 1970er-Jahren aus seiner Arbeit mit der Analytischen Psychologie C. G. Jungs entstand. Mindell erweiterte die psychologische Arbeit zunehmend auf Körpersignale, Beziehungen, Gruppen, Konflikte und gesellschaftliche Prozesse.

Neben Jung und seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung ist auch der Taoismus ein wichtiger Bezugspunkt. Wandel, das Zusammenspiel von Gegensätzen und eine Aufmerksamkeit für das, was bereits geschieht, finden darin eine deutliche Resonanz. Prozessorientierung bedeutet in diesem Sinne nicht, passiv alles geschehen zu lassen. Es geht darum, genau wahrzunehmen, was sich entfaltet, bevor wir entscheiden, wie wir darauf antworten.

Der träumende Hintergrund

Mindells Prozessverständnis entstand aus der Beobachtung, dass sich ein ähnlicher Prozess in unterschiedlichen Formen zeigen kann – in nächtlichen Träumen ebenso wie in Körpersymptomen, Bewegungen, Beziehungssignalen oder Konflikten. Dafür entwickelte er zunächst den Begriff des Traumkörpers und weitete ihn später zu einem umfassenderen Verständnis des „Dreaming“ aus.

Der Prozess ist damit nicht identisch mit einem einzelnen Symptom, Gefühl oder Traum. Diese können vielmehr unterschiedliche Ausdrucksformen eines umfassenderen Geschehens sein.

Mindell unterscheidet verschiedene Ebenen unserer Erfahrung. In der Konsensrealität bewegen wir uns in der gemeinsam überprüfbaren Welt der Fakten, Probleme und Handlungen. Auf der Traumebene zeigen sich subjektive Erfahrungen: Gefühle, innere Bilder, Körperempfindungen, Rollen, Träume und Polaritäten. Auf einer noch subtileren Essenzebene beschreibt Mindell Erfahrungen, die noch kaum in Worte, Bilder oder Gegensätze gefasst sind.

Diese Sichtweise verändert den Umgang mit Problemen. Das, was auf der Konsensebene als Störung oder Hindernis erscheint, kann auf einer anderen Ebene Teil eines umfassenderen Prozesses sein. Eine zitternde Stimme, ein unerwartetes Bild oder ein widersprüchliches Beziehungssignal wird deshalb nicht vorschnell beseitigt, sondern zunächst wahrgenommen und erforscht.

Prozessorientiert zu sein bedeutet damit auch, dem träumenden Hintergrund unserer bewussten Erfahrung Aufmerksamkeit zu geben – dem, was bereits geschieht, bevor wir wissen, was es bedeutet.

Intentional – und was mir widerfährt

Wir erleben uns einerseits als Handelnde. Ich möchte etwas, treffe Entscheidungen, habe Wünsche und richte meine Aufmerksamkeit aus. Gleichzeitig geschieht fortwährend etwas, das ich nicht beabsichtigt habe: Mein Körper reagiert, meine Stimme verändert sich, ich werde plötzlich emotional oder müde, ein Bild taucht auf oder ein anderer Mensch reagiert unerwartet.

Eine prozessorientierte Haltung nimmt beide Seiten ernst: das, was ich intentional tue, und das, was mir widerfährt. Beides kann Information über den gegenwärtigen Prozess enthalten.

Mindell unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen primären und sekundären Prozessen. Vereinfacht gesagt gehört zum Primären das, womit wir uns identifizieren und was wir bewusst beabsichtigen. Sekundär sind Erfahrungen, die zunächst nicht zu unserem vertrauten Selbstbild passen und uns eher zu widerfahren scheinen.

Vielleicht möchte ich souverän auftreten, aber meine Stimme wird plötzlich leise. Ich erzähle, dass mir etwas nichts ausmacht, während mein Körper deutlich reagiert. Das Sekundäre erscheint dann zunächst wie eine Störung unserer bewussten Absicht. Prozessorientiert wird gerade diese Abweichung interessant.

Wenn Signale sich widersprechen

Besonders deutlich wird dies, wenn verschiedene Signale gleichzeitig auftreten und nicht zusammenpassen. Jemand wird gefragt: „Wie geht es dir?“ und antwortet „Gut“, während sich sein Gesicht verzieht und sein Blick ausweicht. Sprache, Mimik und Körper erzählen in diesem Moment unterschiedliche Geschichten.

Eine prozessorientierte Haltung muss nicht sofort entscheiden, welches Signal das „wahre“ ist. Sie interessiert sich zunächst für die Inkongruenz: Was zeigt sich hier gleichzeitig?

Aus einer NARM-Perspektive kann darin beispielsweise eine Spannung zwischen einer gegenwärtigen inneren Erfahrung und einer erlernten Schutzstrategie sichtbar werden. Vielleicht ist Traurigkeit oder Unsicherheit da, während gleichzeitig der vertraute Impuls wirkt, nach außen zu signalisieren: Alles in Ordnung. Entscheidend ist, diese Bedeutung nicht vorschnell vorauszusetzen, sondern gemeinsam zu erforschen.

Widersprüchliche Signale können darauf hinweisen, dass mehr als eine Erfahrung gleichzeitig vorhanden ist – und dass etwas aus dem Hintergrund beginnt, in den Vordergrund zu treten.

Die Störung gehört zum Prozess

Ähnliches gilt für Widerstände, Blockaden und Störungen. Jemand möchte über etwas sprechen und wird plötzlich müde. Eine Übung funktioniert nicht. Im Gespräch entsteht Schweigen, jemand verliert den Faden oder beginnt an einer unerwarteten Stelle zu lachen.

Gewöhnlich versuchen wir, solche Störungen möglichst schnell zu überwinden und zum „eigentlichen“ Thema zurückzukehren. Prozessorientiert können wir anders fragen: Was, wenn die Störung nicht außerhalb des Prozesses liegt, sondern selbst Teil davon ist?

Eine Blockade oder Irritation kann auf eine Erfahrung hinweisen, die unserer bewussten Absicht widerspricht oder bisher wenig Raum bekommen hat. Wir wissen zunächst nicht, ob und was darin wichtig ist. Gerade deshalb lohnt es sich manchmal, dort einen Moment zu verweilen.

Die Störung muss nicht sofort weg. Sie kann selbst Prozessinformation sein.

Am Rand des Bekannten

Manches zeigt sich deutlich, anderes nur flüchtig: eine kleine Bewegung, eine Körperempfindung, ein inneres Bild, ein Wort oder ein Geräusch, das für einen Moment unsere Aufmerksamkeit berührt. Mindell bezeichnet solche kaum bemerkten Signale auch als Randsignale oder Flirts.

Sie können an eine Grenze unseres vertrauten Selbstverständnisses führen. Vielleicht möchte ich klarer Nein sagen, doch sobald ich es versuche, tauchen Scham, Angst oder der Impuls auf, mich sofort zu erklären.

Prozessorientierung versucht nicht, Menschen über eine solche Grenze zu schieben. Sie wird neugierig darauf, was dort geschieht. Das zunächst Fremde oder Störende bekommt Zeit, deutlicher wahrnehmbar zu werden.

Nichtwissen als Haltung

Eine der wichtigsten Qualitäten prozessorientierter Begleitung ist für mich das Nichtwissen. Als Begleiter bringe ich Erfahrung, psychologisches Wissen und Modelle mit. Problematisch wird es, wenn dieses Wissen zu schnell bestimmt, was die Erfahrung eines anderen Menschen bedeutet.

Eine Körperreaktion muss nicht das bedeuten, was ich darin erkenne. Ein Widerstand muss nicht aufgelöst werden. Eine Stille muss nicht gefüllt werden. Nichtwissen bedeutet deshalb nicht, nichts zu wissen, sondern das eigene Wissen immer wieder zurückstellen zu können.

Damit verändert sich die Rolle des Begleiters. Ich muss nicht wissen, wohin der Prozess eines Menschen führen soll. Ich kann Signale wahrnehmen, Fragen stellen, etwas anbieten und gemeinsam untersuchen: Was geschieht tatsächlich?

NARM – Intention und offener Prozess

Auch NARM arbeitet wesentlich prozessorientiert. Die Begleitung folgt dem gegenwärtigen Geschehen, ohne den Verlauf einer Sitzung im Voraus festzulegen. Eine Besonderheit ist jedoch die Intention, die vom Klienten selbst formuliert wird und den Ausgangspunkt des therapeutischen Prozesses bildet.

Dabei geht es weniger um ein äußeres Ziel oder darum, ein Symptom loszuwerden, sondern um eine gewünschte innere Erfahrung oder Kapazität: etwa mit sich in Kontakt bleiben zu können, präsenter zu sein, eine eigene Grenze wahrzunehmen oder sich in Beziehung zeigen zu können.

Die Intention gibt eine Richtung, ohne den Weg oder das Ergebnis festzulegen. Gerade indem wir uns ihr zuwenden, kann sichtbar werden, was dieser Erfahrung gegenwärtig entgegensteht: Schutzstrategien, Scham, Angst, innere Konflikte oder der Verlust von Selbstkontakt. Die Intention kann so zu einer Art Flussbett werden, in dem sich das zentrale innere Dilemma deutlicher zeigt.

Darin liegt für mich etwas Elegantes an NARM: Der Klient bestimmt mit seiner Intention die Richtung, und zugleich bleiben Klient und Begleiter offen dafür, was sich auf diesem Weg tatsächlich zeigt. Nichtwissen bedeutet hier also nicht, ohne Intention zu sein. Wir können wissen, wonach wir uns sehnen, ohne bereits zu wissen, welchen Weg der Prozess nehmen wird.

POP und NARM setzen unterschiedliche Akzente. In der Prozessarbeit nach Mindell entsteht die nächste Spur stark aus dem Prozessgeschehen selbst und gerade auch aus dem Unbeabsichtigten und Sekundären. NARM bringt mit der Intention eine vom Klienten formulierte Orientierung hinein. Gemeinsam ist beiden die Offenheit für das, was tatsächlich geschieht, und das Nichtwissen darüber, wohin der Prozess führen wird.

Prozessvertrauen – zwischen Gestalten und Geschehenlassen

Prozessorientierung bedeutet nicht, jedem Impuls zu folgen oder darauf zu vertrauen, dass „der Prozess schon weiß, wo es hingeht“. Sie braucht Wahrnehmung, Unterscheidungsfähigkeit und Verantwortung.

Prozessvertrauen bedeutet für mich etwas Nüchterneres: Ich muss den nächsten Schritt nicht bereits kennen. Ich kann wahrnehmen, was geschieht, und darauf antworten. Darin verbinden sich zwei Bewegungen: Gestalten und Geschehenlassen. Ich kann eine Intention haben, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig bleibe ich offen für das, was ungeplant auftaucht und meiner bisherigen Vorstellung vielleicht widerspricht.

Vielleicht liegt darin der Kern einer prozessorientierten Haltung: eine Richtung haben, ohne den Weg bereits zu kennen. Nicht alles kontrollieren zu müssen und dennoch beteiligt zu bleiben.

Eine Haltung über Methoden hinaus

Die Prozessorientierte Psychologie Arnold Mindells ist eine wichtige Wurzel meines Prozessverständnisses. Meine heutige Haltung ist zugleich durch NARM, kreative Selbsterforschung, Körperwahrnehmung und kontemplative Praxis geprägt.

Prozessorientierung ist für mich deshalb mehr als eine Methode. Sie bezeichnet eine Haltung gegenüber Erfahrung: nicht vorschnell wissen, was etwas bedeutet oder wohin es führen soll, sondern aufmerksam werden für das, was bereits geschieht.

Eine Intention haben, ohne das Ergebnis zu kennen. Wahrnehmen, was sich zeigt. Und offenbleiben für die Möglichkeit, dass gerade das Unerwartete, Widersprüchliche oder Störende eine neue Spur eröffnet.

Literatur & weiterführende Quellen

Arnold Mindell: Der Leib und die Träume. Junfermann.
Grundlegend für die Entstehung der Prozessarbeit und den Zusammenhang von Körper, Traum und Traumkörper.

Arnold Mindell: The ProcessMind. Quest Books.
Zu Mindells späterem Prozessverständnis, der Essenzebene sowie den Bezügen zu Taoismus, Natur und einem umfassenderen Prozessgeschehen.

Layne Arye: Unabsichtliche Musik.
Zur prozessorientierten Arbeit mit Kreativität und Improvisation – und dazu, wie gerade Fehler, Störungen und unbeabsichtigte Ereignisse zu Ausgangspunkten eines kreativen Prozesses werden können.

Laurence Heller & Brad Kammer: The Practical Guide for Healing Developmental Trauma. North Atlantic Books.
Zur NARM-Praxis, insbesondere zu Intention, Agency, Schutzstrategien und therapeutischer Beziehung.

C. G. Jung: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten.
Als wichtige Grundlage für das Verständnis unbewusster Prozesse und Individuation, aus deren Tradition sich Mindells Prozessarbeit entwickelte.

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