Die zweite Aufmerksamkeit – was uns findet, wenn wir nichts suchen

Die zweite Aufmerksamkeit ist eine offene, nicht zielgerichtete Wahrnehmung. Sie richtet sich nicht nur auf das, was wir bewusst suchen, benennen und einordnen, sondern auch auf das, was uns beiläufig berührt: eine Bewegung am Rand des Blickfeldes, ein Geräusch, eine Körperempfindung, eine Stimmung oder ein inneres Bild.

Im Alltag ist unsere Aufmerksamkeit meist auf das gerichtet, was gerade wichtig, nützlich oder möglicherweise bedrohlich ist. Wir müssen Aufgaben erledigen, Entscheidungen treffen und uns in einer komplexen Welt orientieren. Dafür filtern wir fortwährend Eindrücke heraus. Wir sehen vor allem das, was wir kennen, erwarten und für unser Handeln benötigen.

Diese Form der Aufmerksamkeit ist notwendig. Sie kann sich jedoch zu einer Art Tunnelblick verengen. Dann nehmen wir überwiegend wahr, was unsere bestehenden Vorstellungen bestätigt. Für das Unscheinbare, Mehrdeutige und Unerwartete bleibt wenig Raum.

Wenn wir für einen Moment nichts erreichen wollen, kann dieser Filter durchlässiger werden. Wir bemerken, was unsere Aufmerksamkeit anzieht, ohne es sofort erklären oder bewerten zu müssen. Die zweite Aufmerksamkeit ist deshalb kein Verlust des Bewusstseins und keine Flucht aus der Wirklichkeit. Sie erweitert unsere Wahrnehmung: Wir bleiben wach und lassen uns zugleich von dem finden, wonach wir nicht gesucht haben.

Was ist die zweite Aufmerksamkeit?

Der Begriff der zweiten Aufmerksamkeit stammt ursprünglich aus den Don-Juan-Büchern von Carlos Castaneda und wurde im Umfeld der Prozessorientierten Psychologie Arnold Mindells aufgegriffen. Gemeint ist eine Aufmerksamkeit für jene Bereiche der Erfahrung, die im gewöhnlichen Bewusstsein leicht übersehen oder ausgeblendet werden: Körperimpulse, Atmosphären, innere Bilder, Traumfiguren, unbeabsichtigte Bewegungen und Ereignisse, die sich nicht sofort erklären lassen.

In der Prozessarbeit wird noch genauer unterschieden. Die erste Aufmerksamkeit richtet sich auf die Konsensusrealität – auf das, was wir benennen, überprüfen und gemeinsam einordnen können. Die zweite Aufmerksamkeit folgt den subjektiven und traumartigen Erfahrungen, die unterhalb dieser vertrauten Ordnung auftauchen. Für die feinsten, noch kaum fassbaren Wahrnehmungen verwendet Mindell den Begriff der luziden Aufmerksamkeit. Sie bemerkt einen Eindruck, bevor daraus ein deutliches Gefühl, ein Bild oder eine Geschichte geworden ist.

In diesem Artikel verwende ich „zweite Aufmerksamkeit“ in einem weiteren praktischen Sinn. Sie bezeichnet die Bewegung von einer zielgerichteten Wahrnehmung hin zu einer offenen Aufmerksamkeit für das, was sich ungeplant zeigt. Dazu gehört sowohl das erste Bemerken eines flüchtigen Eindrucks als auch die Fähigkeit, ihm behutsam zu folgen.

Die zweite Aufmerksamkeit ist nicht einfach unkonzentriert. Sie ist wach, aber weniger gebündelt. Sie sucht keine bestimmte Antwort, sondern bleibt empfänglich für das, was am Rand unseres Bewusstseins auftaucht.

Der träumende Hintergrund unserer Erfahrung

Der zweiten Aufmerksamkeit liegt die Annahme zugrunde, dass unsere bewusste Wahrnehmung nur einen Ausschnitt unseres Erlebens erfasst. Wir sehen die Welt durch die Filter unserer Erfahrungen, Erwartungen und Selbstbilder. Besonders leicht nehmen wir wahr, was wir bereits kennen und was zu unserer Vorstellung von uns selbst und der Welt passt.

Diese Filter bilden eine Art Schale um unsere vertraute Wirklichkeit. Erfahrungen, die nicht zu unserem bewussten Selbstverständnis passen, können sie oft nur indirekt durchdringen.

Die Prozessorientierte Psychologie geht davon aus, dass hinter unserer bewussten und beabsichtigten Erfahrung ein fortwährender träumender Prozess wirksam ist. „Träumend“ meint dabei nicht nur unsere nächtlichen Träume. Der träumende Hintergrund kann sich auch in unerwarteten Körperreaktionen, spontanen Bewegungen, inneren Bildern, Stimmungen, Versprechern, Beziehungssignalen oder auffälligen Begegnungen mit unserer Umgebung zeigen.

Vielleicht möchte ich mich souverän geben, während meine Stimme plötzlich leiser wird. Ich bin überzeugt, dass mir etwas gleichgültig ist, doch mein Körper reagiert mit Anspannung. Oder ich gehe durch eine Landschaft und werde von einer unscheinbaren Pflanze berührt, ohne erklären zu können, weshalb.

Solche Erfahrungen können Hinweise auf einen sekundären Prozess sein: auf etwas, das bereits zu unserem Erleben gehört, mit dem wir uns aber noch nicht identifizieren. Es kann sich um zurückgewiesene oder abgespaltene Erfahrungen handeln, aber auch um eine neue Seite von uns, die erst im Entstehen begriffen ist.

Nicht jedes Körpersymptom und nicht jedes äussere Ereignis besitzt deshalb automatisch eine verborgene Bedeutung. Prozessorientierung bedeutet nicht, alles symbolisch zu deuten. Sie lädt vielmehr dazu ein, das Unerwartete nicht vorschnell auszusortieren und neugierig zu untersuchen, ob sich darin eine noch unbekannte Erfahrung zeigt.

Warum wir diese Aufmerksamkeit brauchen

Die zweite Aufmerksamkeit hilft uns, die Signale des träumenden Hintergrunds überhaupt zu bemerken. Sie bringt uns mit Empfindungen, Bedürfnissen und Seiten unserer Persönlichkeit in Kontakt, die in unserem vertrauten Selbstbild bisher wenig Platz gefunden haben.

Ein Mensch, der gelernt hat, immer stark zu sein, nimmt vielleicht erstmals seine Verletzlichkeit wahr. Wer sich vor allem über Anpassung definiert, entdeckt einen kaum bemerkten Widerstand. Hinter einer lähmenden Unsicherheit kann eine Bewegung auftauchen, die noch keine Richtung gefunden hat. Was zunächst als Störung erscheint, kann eine bisher ungenutzte Fähigkeit, ein Bedürfnis oder eine neue Handlungsmöglichkeit enthalten.

Die zweite Aufmerksamkeit macht das Unbewusste nicht einfach bewusst, als würden wir einen fertigen Gegenstand aus einem dunklen Raum ans Licht holen. Häufig entsteht die Bedeutung erst, indem wir einer flüchtigen Erfahrung Zeit geben. Eine Körperempfindung wird zu einer Bewegung, aus der Bewegung entsteht ein Bild, und das Bild eröffnet möglicherweise ein neues Verständnis. Etwas, das zuvor nur undeutlich im Hintergrund wirkte, kann langsam Teil unseres bewussten Erlebens werden.

Darin liegt der psychologische Sinn dieser Aufmerksamkeit: Unser bewusstes Ich wird durch Erfahrungen erweitert, die es bisher ausgeschlossen oder übersehen hat. Wir erhalten nicht unbedingt eindeutige Antworten. Aber wir können vollständiger, beweglicher und weniger ausschliesslich von unseren gewohnten Mustern bestimmt werden.

Diese Fähigkeit braucht unverplante Räume. Viele Menschen verbringen einen grossen Teil ihres Lebens im zweckgerichteten Bewusstsein und vor Bildschirmen. Filme, Games, soziale Medien und Nachrichten versorgen uns fortwährend mit Informationen und vorgegebenen Bildern. Digitale Welten sind nicht grundsätzlich oberflächlich; sie können uns tief berühren und unsere Imagination beleben. Wenn unsere Aufmerksamkeit jedoch fast nur noch besetzt ist, bleibt wenig Raum, in dem etwas nachklingen oder ein eigenes Bild entstehen kann.

Wie ein Boden, der lange keinen Regen erhält, kann auch unsere innere Erfahrungswelt austrocknen. Wir verlieren nicht unsere Empfindungsfähigkeit, aber möglicherweise den Zugang zu ihr. Die zweite Aufmerksamkeit kann diesen Zugang wieder nähren.

Flirts – wenn uns etwas berührt

Eine kleine Bewegung, ein Geräusch, eine Farbe oder eine kaum merkliche Körperempfindung kann für einen Augenblick aus dem Hintergrund hervortreten. In der Prozessarbeit werden solche flüchtigen Anziehungen als Flirts bezeichnet.

Ein Lichtreflex auf einem Blatt fällt uns auf. Das Knarren eines Baumes lässt uns stehen bleiben. Eine bestimmte Richtung zieht uns an, obwohl wir einen anderen Weg nehmen wollten. Auch ein inneres Bild, eine spontane Bewegung oder eine plötzliche Erinnerung kann auf diese Weise auftauchen.

Meist sind solche Eindrücke so kurz, dass wir sie sofort wieder übergehen. Der Flirt ist auch noch keine fertige Botschaft. Wir wissen nicht, weshalb gerade dieser Anblick oder dieses Geräusch unsere Aufmerksamkeit berührt. Die zweite Aufmerksamkeit beginnt dort, wo wir den flüchtigen Moment nicht festhalten oder sofort erklären, sondern ihm etwas Zeit geben.

Was findet mich, wenn ich nichts suche?

In meinen Retreats arbeite ich mit einer Naturerfahrung, die ich Miniquest nenne. Der Miniquest beginnt mit einer einfachen, aber ungewohnten Umkehrung: Ich gehe nicht hinaus, um etwas Bestimmtes zu finden. Ich habe kein Ziel, keine festgelegte Route und möglichst auch keine Vorstellung davon, was geschehen soll.

Die Frage lautet nicht: Was suche ich? Sie lautet: Was findet mich, wenn ich nichts suche? Was erreicht mich, wenn ich aufmerksam werde für das, was mich zu erreichen versucht?

Das bedeutet, für eine Weile ohne Plan und Strategie zu gehen. Ich muss keinen besonders schönen Ort entdecken, keine Erkenntnis gewinnen und keine spirituelle Erfahrung machen. Ich werde langsamer und bemerke, wohin mein Blick fällt, bei welchem Geräusch ich aufhorche oder an welcher Stelle mein Körper stehen bleiben möchte.

Wenn etwas meine Aufmerksamkeit berührt, bleibe ich einen Moment dabei. Statt sofort nach der Bedeutung zu fragen, nehme ich zunächst wahr, was in der Begegnung geschieht. Ich beginne, mich für das Unerwartete zu interessieren, indem ich mich öffne, hinhöre, beobachte, Emotionen wahrnehme und ihnen Raum gebe. Vielleicht ist da Widerstand, Anziehung, Angst, Unsicherheit oder Freude?

Die äussere Begegnung kann etwas in uns ansprechen, das bisher keine bewusste Sprache gefunden hat. Vielleicht erkennen wir darin eine zurückgehaltene Bewegung oder eine Qualität, nach der wir uns sehnen. Der Miniquest öffnet einen Raum, in dem der träumende Hintergrund in der Begegnung mit der Mitwelt deutlicher wahrnehmbar werden kann.

In meinen Retreats wird diese Erfahrung sorgfältig vorbereitet, vertieft und anschliessend gemeinsam ausgewertet. Diese Beschreibung ist deshalb keine vollständige Anleitung, sondern eine Einladung, die zugrunde liegende Veränderung der Aufmerksamkeit nachzuvollziehen.

Wenn die Landschaft zu sprechen beginnt

Mit der zweiten Aufmerksamkeit kann sich unser Verhältnis zur Mitwelt verändern. Der Baum ist dann nicht mehr bloss ein botanisch bestimmbares Gewächs, der Fluss nicht nur fliessendes Wasser und der Stein nicht allein ein mineralischer Gegenstand. Etwas an ihnen beginnt uns anzusprechen.

Das bedeutet nicht zwingend, dass die Natur eindeutige Botschaften an uns sendet. Vielleicht entsteht zunächst nur eine Resonanz. Die Bewegung des Flusses berührt etwas in uns. Eine Pflanze wächst still am Rand des Weges, und für einen Augenblick scheint es, als hätte sie dort auf uns gewartet.

Der Fluss ist dabei nicht nur eine Projektionsfläche unseres Inneren. Er besitzt seine eigene Strömung, Temperatur, Geschichte und Richtung. Auch die Pflanze ist nicht bloss ein Symbol, das wir beliebig mit Bedeutung aufladen können. Doch in der Begegnung kann etwas Drittes entstehen: ein Beziehungsraum zwischen uns und dem, was uns umgibt.

Die Bedeutung liegt dann weder ausschliesslich in der Natur noch allein in uns. Sie entsteht im Kontakt. Wir reagieren auf die Umgebung, und die Umgebung wirkt auf uns zurück. So können wir erfahren, dass wir einer Landschaft nicht nur gegenüberstehen, sondern selbst Teil ihres lebendigen Beziehungsgefüges sind.

Raum lassen, ohne sich zu überfordern

Die zweite Aufmerksamkeit lässt sich nicht erzwingen. Wir können jedoch Bedingungen schaffen, unter denen sie sich entfalten kann: unverplante Zeit, eine Unterbrechung des gewohnten Handelns und einen Raum, den wir nicht sofort wieder füllen.

Was daraus hervorgeht, können wir nicht im Voraus bestimmen. Es emergiert. Ein Bild taucht auf, eine Bewegung beginnt oder die Umgebung erhält plötzlich eine andere Tiefe. Nichttun ist in diesem Sinn nicht passiv. Es gleicht dem Vorbereiten eines Feldes. Wir können den Boden lockern und Raum schaffen, aber nicht bestimmen, was darauf wachsen soll.

Wenn äussere Ablenkungen wegfallen, begegnen wir allerdings nicht immer zuerst einer friedlichen Stille. Häufig zeigen sich Unruhe, Langeweile, Unsicherheit oder unangenehme Gefühle. Der Impuls, zum Handy zu greifen, schneller weiterzugehen oder die Erfahrung abzubrechen, kann stark werden.

Manchmal sind gerade diese Reaktionen Eintrittspforten zu einer tieferen Erfahrung. Wenn wir eine diffuse Spannung nicht sofort beseitigen, kann daraus eine Öffnung entstehen. Zweite Aufmerksamkeit bedeutet deshalb auch, bei dem bleiben zu können, was auftaucht, ohne es sofort verändern oder verstehen zu müssen.

Mit beiden Aufmerksamkeiten leben

Die zweite Aufmerksamkeit ist nicht wertvoller als die erste. Wir brauchen die klare Wahrnehmung der Konsensusrealität, um uns zu orientieren, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam zu handeln. Nicht jeder flüchtige Eindruck ist eine Botschaft, nicht jedes innere Bild besitzt Autorität und nicht jedes Gefühl muss ausgelebt werden.

Entscheidend ist die Beweglichkeit zwischen unterschiedlichen Arten der Wahrnehmung. Wir können uns für das Traumartige und Unerwartete öffnen und anschliessend wieder in die Sprache, den Körper und das konkrete Leben zurückkehren. Was hat mich berührt? Was davon bleibt lebendig? Und findet sich darin etwas, dem ich im Alltag antworten möchte?

Die zweite Aufmerksamkeit führt uns nicht zwangsläufig in eine andere Welt. Vielleicht lässt sie uns entdecken, dass die vertraute Welt mehr Schichten besitzt, als wir gewöhnlich wahrnehmen – und dass auch wir selbst umfassender sind als das Bild, das wir uns von uns gemacht haben.

Vielleicht brauchen wir diese Aufmerksamkeit nicht, um der Wirklichkeit zu entkommen. Vielleicht brauchen wir sie, um vollständiger in ihr anwesend zu sein.

Literaturhinweise

  • Carlos Castaneda: Die Reise nach Ixtlan

  • Arnold Mindell: 24 Stunden luzid träumen

  • Arnold Mindell: Der Leib des Schamanen

  • Arnold Mindell: Die Kraft der Stille

  • Amy Mindell: Amy’s Hyperspaces: Creativity, the Bird of Paradise, and the Doorway to Parallel Worlds

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