Feldbewusstsein – wahrnehmen, was zwischen uns entsteht

Ein Gespräch ist freundlich, und trotzdem fühlt sich etwas angespannt an. In einer Gruppe wird viel gesprochen, doch etwas Wesentliches scheint ungesagt zu bleiben. Oder es entsteht plötzlich eine Stille, in der wir uns verbunden fühlen, ohne genau sagen zu können, was sich verändert hat.

Ich nehme Stimmungen und Atmosphären oft wahr, bevor ich Worte dafür habe. Manchmal merke ich erst später, worauf ich reagiert habe. Wenn ich etwas davon anspreche und andere daran anknüpfen, kann das erleichternd sein. Was bisher schwer greifbar war, können wir gemeinsam erkunden.

Was ist mit «Feld» gemeint?

In der Prozessorientierten Psychologie nach Arnold Mindell bezeichnet das Feld das gemeinsame Geschehen, in das wir eingebunden sind und das wir mitgestalten. Dazu gehören Worte, Blicke, Tonfall und Pausen ebenso wie Erwartungen, Spannungen und Erfahrungen, die bisher wenig Aufmerksamkeit bekommen.

Der Begriff kommt in diesem Zusammenhang aus der Physik. In den 1930er-Jahren griff ihn der Psychologe Kurt Lewin für seine Feldtheorie auf. Ihn interessierte, wie eine Person und ihre Umgebung zusammenspielen. Ob ich in einer Runde frei spreche oder mich zurückhalte, hängt auch davon ab, wie die anderen reagieren und was in dieser Runde bisher möglich war. www.ocf.berkeley.edu

Arnold Mindell, der ursprünglich Physiker war, verwendete den Begriff in seiner Arbeit mit Gruppen, dem Worldwork. Dort richtet er die Aufmerksamkeit auf die Atmosphäre und darauf, wie wir sie mitprägen. Manchmal erleben wir dieses gemeinsame Geschehen auch als tiefe Verbundenheit, etwa wenn es in einer Gruppe still wird und wir uns einander nahe fühlen. www.processwork.org

Was im Feld spürbar wird, obwohl es kaum Platz hat

Gruppen haben ein Bild davon, wer sie sind. «Bei uns gehen wir respektvoll miteinander um.» Oder: «Wir sind reflektierte Menschen.» Werte und Überzeugungen geben Orientierung. Sie prägen auch, was in einer Gruppe gezeigt werden darf. In der Prozessarbeit sprechen wir von Marginalisieren, wenn Erfahrungen, Impulse oder Sichtweisen an den Rand geraten, weil sie jenseits dessen liegen, womit sich die Gruppe identifiziert. dreamnetworkjournal.com

In einer Gruppe, die Wert auf Harmonie legt, kann Ärger in spitzen Bemerkungen auftauchen. Wo alle bedacht und vernünftig wirken wollen, ist es vielleicht peinlich, etwas Dummes zu sagen oder einfach albern zu sein. Was als primitiv oder unanständig gilt, wird womöglich rasch abgetan. Auch Lust und Sinnlichkeit können wenig Platz haben und sich etwa in einem verlegenen Lachen oder einem schnellen Themenwechsel bemerkbar machen.

So kann in der Atmosphäre etwas von dem spürbar werden, was die Gruppe zurückhält. Ein Lachen, eine Pause oder ein gereizter Ton geben mir einen Anlass, genauer hinzuhören. Was sie in dieser Situation bedeuten, kann sich im Gespräch zeigen.

In der Prozessarbeit gibt es dafür auch den Begriff der «Geisterrolle». Er beschreibt eine Position, die im gemeinsamen Geschehen wirkt, obwohl sie niemand ausdrücklich vertritt. In einer Gruppe, die Nähe und Offenheit schätzt, könnte sie lauten: «Ich brauche mehr Abstand.» Wenn jemand das ausspricht, wird diese Person vielleicht zuerst als schwierig erlebt. Es kann sich aber auch zeigen, dass mehrere in der Gruppe den Wunsch nach mehr Abstand kennen. Amy and Arnold Mindell

Atmosphären spüren und Worte dafür finden

Manchmal bemerke ich zuerst eine Enge im Brustraum, einen veränderten Tonfall oder den Impuls, mich zurückzuziehen. Ich kann einen Moment bei meiner Erfahrung bleiben. Wann hat sich etwas verändert? Was ist gerade geschehen?

Was ich spüre, kann mit meiner Geschichte zusammenhängen, mit der aktuellen Situation oder mit beidem. Wenn der Moment passt, kann ich von mir aus sprechen und andere nach ihrer Erfahrung fragen.

«Ich merke, dass ich gerade angespannt werde. Ich weiss noch nicht genau, womit das zusammenhängt. Wie geht es euch?»

Andere können zustimmen, widersprechen oder etwas ergänzen. Vielleicht nehmen mehrere eine ähnliche Spannung wahr. Vielleicht erleben sie die Situation ganz anders. Auch das hilft mir, mich zu orientieren. Ich darf entscheiden, was ich mitteilen möchte und wann ich lieber weiter zuhöre.

Dem Prozess vertrauen – auch im Miteinander

Prozessvertrauen bedeutet für mich, einer Erfahrung Aufmerksamkeit zu geben, bevor ich weiss, wohin sie führt.

In einer Gruppe erzählen mehrere Menschen nacheinander etwas sehr Persönliches. Während ich zuhöre, frage ich mich innerlich: Gibt es eine Erfahrung, die ich dazu teilen könnte? Dabei kommt mir gar nichts in den Sinn.

Wenn der Moment passt, könnte ich sagen: «Ich merke, dass ich gerade das Gefühl habe, auch etwas Persönliches erzählen zu müssen. Dabei würde ich heute lieber einfach da sein, ohne etwas zu sagen. Wie geht es euch damit?»

Vielleicht sagt jemand: «Ich dachte auch, dass alle etwas erzählen sollen.» Eine andere Person ist überrascht und sagt: «Ich habe einfach erzählt, weil es mir gutgetan hat.» Beides hilft mir, mich zu orientieren. In der Gruppe können wir dann klären, dass Zuhören genauso möglich ist wie Erzählen. Vielleicht reicht es schon, das einmal auszusprechen.

Als Begleiter halte ich einen Rahmen. Zugleich kann mir jemand mit einem einfachen Satz zeigen, wie die Gruppe diesen Rahmen erlebt und was wir daran verändern könnten.

Verbunden bleiben und mitgestalten

Feldbewusstsein verbindet Selbstkontakt mit Aufmerksamkeit für unser Miteinander. Wenn ich bemerke, was in mir geschieht, kann ich bewusster entscheiden, ob ich eine Frage stelle, einen Wunsch äussere, eine Grenze setze oder weiter zuhöre.

Dabei spielt auch eine Rolle, wer sich in einer Gruppe Widerspruch leisten kann und wessen Wort mehr Gewicht hat. Manchmal hilft ein offenes Gespräch. Manchmal braucht es eine andere Vereinbarung oder jemanden, der seine Verantwortung dafür wahrnimmt, dass auch leisere Stimmen Gehör finden.

In meiner Arbeit mit Einzelnen, Gruppen und Retreats interessiert mich dieses Wechselspiel. Wie kann ich mit mir verbunden bleiben und zugleich wahrnehmen, was zwischen uns entsteht? Vielleicht beginnt es damit, dass ich etwas bemerke, vorsichtig Worte dafür finde und frage, wie es anderen damit geht.

Hintergrund

Zum Feldbegriff und zur Arbeit mit Gruppen. Kurt Lewin, Field Theory and Experiment in Social Psychology (1939) · Arnold Mindell, Sitting in the Fire (1995) und Worldwork

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